1 Mann macht noch keine Liebe Cleo Lavalle

1 Mann macht noch keine Liebe

Liebe Leserinnen und Leser, das ist ein erster Blick in meinen neuen Roman „1 Mann macht noch keine Liebe“, der am 1. Juli 2016 für Kindle erscheinen wird! Ich wünsche euch allen viel Spaß beim Lesen!
Hier findet Ihr mich bei Facebook, eure
Cleo Lavalle

  1. Auf einer Insel im Mittelmeer

Er schrie: „Renn!“

Und ich rannte. Rannte, wie ich noch nie in meinem Leben gerannt war.

Mit der linken Hand drückte ich die Tasche mit dem Notebook fest an meine Brust. Mit der Rechten umklammerte ich den Doggy Bag mit den Penne all’arrabbiata, als würde mein Leben von der halben Portion Nudeln abhängen.

Die Schritte hinter mir wurden lauter. Ich rannte und stolperte und fluchte, dass ich ausgerechnet heute High Heels angezogen hatte.

Meine Fußsohlen brannten, als würde ich über glühende Kohlestücke laufen.

Aber ich rannte weiter und dachte voller Panik an den Zettel mit der Warnung.

Nimm dich in Acht vor den Wölfen!

Und genauso klang es hinter mir. Wie ein Rudel Wölfe, das die Fährte aufgenommen hatte.

Ich warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, wer uns verfolgte. Ob es wirklich Wölfe waren, obwohl ich wusste, dass das nicht sein konnte. Doch der Wind wehte mir die Haare vor die Augen.

Und ich rannte vorbei an Häusern, alt und grau, mit Fensterscheiben, die man weiß angemalt hatte, weil sie schon lange unbewohnt waren.

Ich spürte, wie die Tasche mit meinem Notebook rutschte. Da endlich öffneten sich meine Finger, ich ließ die Penne fallen und packte die Tasche auch mit der rechten Hand.

Ich keuchte und merkte, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat. Und ich hätte heulen können.

Denn der Mann, der beschützend an meiner Seite sein sollte, war mir so viele Schritte voraus, dass ich ihn in der Dunkelheit kaum noch sehen konnte.

Nur seine Stimme hörte ich, als er schrie: „Los! Schneller!“

„Ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht!“

Aber hatte ich eine andere Wahl, als weiterzulaufen?

Meine Beine zitterten. Ich spürte, wie mich die Kraft verließ. Gleich würden meine Knie einknicken und ich würde auf dem löchrigen Gehweg landen, auf dem sich Säcke mit Abfall stapelten.

„Hilfe!“, rief ich.

„Hilfe!“

Dann stolperte ich, knickte mit dem Fuß um, versuchte, den Fall abzufangen, ruderte mit dem rechten Arm und drückte das Notebook weiter fest mit dem linken an mich.

Ich schrie auf, als ich auf dem Asphalt landete und mein Kopf gegen etwas Festes stieß.

Die schweren Schritte der Verfolger waren nur noch wenige Meter entfernt.

Da beugte sich ein Schatten über mich …

2. Schicksal, mach doch mal!

Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt. Arthur Schopenhauer

Es gibt nichts Langweiligeres als ein Café, in dem nichts los ist!

Ich lehnte am Tresen und schaute missmutig auf den angeschnittenen Apfelkuchen und die Reste der Schwarzwälder Kirschtorte, die ihre beste Zeit auch schon hinter sich hatten. Bis auf einen Tisch, an dem ein älterer Herr saß, der seinen Kaffee trank und in der Tageszeitung blätterte, war es gähnend leer.

„Ich möchte mal wissen, wieso ich heute aushelfen sollte. Hier ist doch kein Mensch“, maulte ich meine Freundin Jenny an. Ihr gehörte das kleine Café, in dem ich ab und zu aushalf. Ich unterstützte sie gerne, aber heute verstand ich nicht wirklich, warum sie mich brauchte.

„Glaubst du, mir macht es Freude, wenn ich am Ende des Tages eine leere Kasse habe?“, maulte Jenny zurück.

Betreten schaute ich auf den abgeschabten Linoleumboden. Ich kannte ihre Sorgen. Dazu musste ich nur die Augen aufmachen und rüber auf die andere Straßenseite schauen. Dort lag die Wurzel allen Übels: In unserem Dorf kam der neu eröffnete Coffee Shop gut an. Jeder, der als cool gelten wollte, stand in der Schlange, um sich einen ‚Caramel Macchiato‘ mit veganer Milch oder einen ‚Chocolate Cream Frappuccino‘ zu holen.

„Kotzen könnte ich!“, sagte sie und starrte mit bösem Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite.

„Tut mir leid“, murmelte ich.

Erst Kopf einschalten, dann plappern. Jetzt kannst du schauen, wie du sie wieder aufheiterst!

Statt dich über die zu ärgern … wollen wir nicht mal überlegen, wie du dein Café ein wenig aufpimpen kannst? Du könntest doch ebenfalls Brownies und Cupcakes und dieses ganze Zeug backen.“

„Und es denen nachmachen? Ich bin Konditorin. Verstehst du? Ich habe das jahrelang gelernt. Da klaue ich niemand anderem Rezepte. Und diese pinke Pampe, die sie auf ihren Kuchen klatschen, kommt mir auch nicht in die Spritztüte.“

Jenny schaute mich böse an.

Aha! Das war wohl die falsche Strategie. Aber das hätte ich ja wissen müssen.

Es war noch nicht lange her, dass meine Freundin das altmodische Café von ihrer Tante geerbt hatte und mehr als einmal hatte ich sie gefragt, welcher Schwur sie davon abhielt, die Brokatläufer von den Tischen und die kitschigen Bilder von den Wänden zu nehmen. Alles, was ich aus ihr herausquetschen konnte, war, dass ihr das Geld für die Renovierung fehlte. Aber es brauchte doch nicht viel, um aus Mehl, Eiern und Zucker – lauter Zutaten, die sich eh in ihrer Vorratskammer stapelten – etwas Kreativeres zu zaubern, als den öden Apfelkuchen mit seinem altmodischen Gittermuster. Mit ihrer Erfahrung müsste das ein Klacks für sie sein. Leider wollte sie von Veränderungen nichts hören.

„Jenny, sag mal …“, setzte ich an, um sie zu fragen, ob ich sie jetzt alleine lassen könnte, um meinen Wochenendputz, der genauso unerfreulich war, wie nutzlos hier herumzustehen, zu erledigen.

In diesem Moment tauchte vor dem Schaufenster eine große Gestalt mit dunklem Wuschelkopf auf, und sofort hellte sich die Miene meiner Freundin auf.

„Rüdiger!“, rief sie begeistert, als er die Tür aufdrückte und die Glocke ertönte.

Eine Sekunde später lag sie in seinen Armen und küsste ihn stürmisch.

„Du, ich bin mal für ein paar Minütchen weg“, zwitscherte sie, wischte sich die Reste ihres verschmierten Lippenstifts von den Wangen und zog Rüdiger in Richtung Hinterausgang.

„Und wie viele Minütchen?“, rief ich ihr hinterher.

Doch sie war bereits draußen und polterte mit ihm die Holztreppe nach oben. Kurz darauf hörte ich Barry White ‚Can’t get enough of your love, Baby‘ singen und hätte ich es nicht schon gewusst, wäre mir spätestens jetzt klar geworden, was in ihrer Wohnung vor sich ging.

Seufzend ließ ich mich hinter der Theke auf einen Hocker fallen und schaute auf die Uhr. Es würde noch zwei Stunden und siebzehn Minuten dauern, bis sie ihr Kuchenkränzchen-Café schloss, und ich mich auf den Heimweg machen konnte.

Verdammter Mist! Ich habe keine Lust, hier abzuwarten, bis sich der Zeiger auf die richtige Zahl dreht.

Ich schnitt mir ein Stück von der Torte ab, auf der die Sahne munter am Eintrocknen war, und nachdem ich es verspeist hatte, ging ich zu dem Gast und fragte, ob er noch etwas wolle. Er blickte gar nicht von der Zeitung auf, schüttelte nur den Kopf und blätterte weiter.

Wieder ließ ich mich auf dem Hocker nieder, stützte das Kinn in die Hand und betrachtete mich im Spiegel. Ich musste dringend etwas an meiner Frisur machen. Meine Haare hingen langweilig zur Mitte des Rückens herunter und der Ansatz war schon gut einen Zentimeter herausgewachsen. Eigentlich waren meine Haare dunkelaschblond. Eine Farbe, die böse Zungen straßenköterbraun nannten. Weil mein Ex das wollte, war ich so dumm gewesen, sie aufzuhellen. Jetzt war ich in der Blondierungsfalle gelandet und hatte nur die Wahl, alle zwei bis drei Wochen aufzuhellen oder eine Weile scheckig herumzulaufen.

Vielleicht sollte ich sie mal knallrot färben!

Zu meinen grünen Augen würde das sicher super aussehen.

Grüne Augen, Froschnatur – von der Liebe keine Spur.  Plötzlich kam mir dieser Spruch in den Sinn. In der Schule hatten sie mich damit immer geärgert. Wie mir das auf die Nerven gegangen war! Aber womöglich stimmte er ja. Oben vergnügte sich Jenny mit ihrem Freund … und ich? Ich würde das Notebook einschalten und mich in diversen Büchergruppen herumtreiben, um mich nicht ganz so alleine zu fühlen. Der Höhepunkt des Abends würde der Moment sein, in dem ich den Kampf gegen mich selbst verlor und in die Küche trabte, um mir Schokolade zu holen. Und danach ginge das Gejammere los, weil ich meine Gier nach Süßigkeiten nicht in den Griff bekam. Ich sah mich schon vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer stehen und meinen Bauch im Profil betrachten. Was sich da vorwölbte, würde aussehen wie ein Schwangerschaftsbauch. Dritter Monat. Mindestens!

Und einen Kerl wirst du auch nicht mehr kriegen …

Ich schüttelte mich bei der Vorstellung, dass mein Leben auf immer und ewig so weitergehen würde und ich auch die nächsten dreißig Jahre in diesem Kaff verbringen müsste.

„Frollein!“, hörte ich den einzigen Gast im Café rufen.

Fräulein war ja schon schlimm. Aber das Wort „Frollein“ gehörte ganz klar in ein anderes Jahrhundert. Der alte Kerl, der wahrscheinlich nur hier saß, weil er sich das Geld für die Tageszeitung sparen wollte, war eindeutig in dieser Zeit stehengeblieben.

So freundlich wie nur möglich fragte ich: „Haben Sie einen Wunsch?“

„Bringen Sie mir noch einen Kaffee“, sagte er im Befehlston.

„Wir sind hier nicht in der Kaserne!“, hätte ich ihm am liebsten an den Kopf geworfen.

Doch dann erinnerte ich mich daran, wie schlecht es um das Lokal meiner Freundin stand und dass ich unter diesen Umständen niemanden verprellen durfte. Also goss ich Kaffee in eine Tasse, legte Milch, Zucker und einen Keks auf ein Tellerchen und schlurfte damit in seine Richtung. Wieder schaute er nicht von seiner Zeitung auf. Selbst dann nicht, als ich die Tasse vor ihm abstellte.

„Gern geschehen“, sagte ich.

Keine Antwort.

Dass ich mich aber auch immer von Jenny dazu überreden ließ, in ihrem Café auszuhelfen! Wegen des Geldes machte ich das ja nicht. Meine Miete und mein Essen bezahlte ich von dem, was ich in der kleinen Bank in unserem Ort verdiente. Nach meinem Abi hatte ich dort eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht und war geblieben, obwohl dieser Job in etwa so aufregend war, wie hier zu sitzen und auf Gäste zu warten. Der einzige Unterschied bestand darin, dass ich im Café wenigstens die Chance auf die Begegnung mit interessanten Leuten hatte. Mal abgesehen von heute.

Ich ließ mich wieder nieder und dachte daran, dass ich zu Hause noch die Waschmaschine anwerfen, das Geschirr spülen und endlich mal staubsaugen musste.

Ich bin gefangen hinter Gitterstäben, die aus purer Langeweile gemacht sind.

Laut seufzend holte ich den Ebook Reader aus der Tasche und schaltete ihn an, um mich meinem Abenteuerroman zu widmen. Kaum hatte ich mich mit der Heldin in die Gassen von Paris begeben, wo sie in die Klauen eines gewalttätigen Marquis geriet, der seinen Dolch zückte und auf sie losging, bimmelte die Glocke über der Tür. Ich zuckte mit einem kleinen Aufschrei zusammen.

Als ich aufsah, stand ein Mädchen vor der Theke, hielt mir eine Blechdose hin und fragte: „Würden Sie bitte Geld für den Bau der neuen Turnhalle spenden?“

Weil sie mich mit ihren großen Augen so bettelnd ansah, griff ich nach meiner Geldbörse, holte einen Fünf-Euro-Schein heraus und steckte ihn in die Dose.

„Danke“, sagte sie artig und verschwand.

Der einzige Gast im Raum blätterte noch immer in der Zeitung.

Wenn das mein Café wäre, würde ich die Ärmel hochkrempeln. Als Erstes würden die Wolkengardinen fallen. Der Ausblick auf die Hauptstraße war nicht gerade schön, aber Licht musste hereinkommen und die Sonne, wenn sie denn mal schien. Dann würde ich die ganzen Staubfänger hinauswerfen. Den Wänden würde ich ein neues Kleid verpassen. Irgendeine helle, freundliche Farbe. Die Stühle könnte man weiß streichen, die Tische auch. Ein bisschen auf shabby gemacht. Das war gerade in und sorgte für eine gemütliche Atmosphäre und die …

„Frollein, zahlen!“

Ich ging mit der Geldtasche zu dem freundlichen Herrn, kassierte die fünf Euro sechzig für die beiden Kaffee und bekam nicht einen Cent Trinkgeld.

Geizkragen!

Nun war ich ganz alleine und hatte Mitleid mit der armen Jenny, die ihr Café bald würde schließen müssen, wenn sich nicht schnell etwas änderte.

Ich seufzte und klappte den Kindle wieder auf, um zu sehen, wer meine Heldin aus ihrer misslichen Lage befreien würde.

Dieser Roman ist im Moment das einzig Spannende in meinem Leben.

Während ich das dachte, hatte ich keine Ahnung, dass das Schicksal bereits dabei war, ein paar Weichen zu stellen und dass ich mich bald in einer ähnlichen Situation wiederfinden würde, wie meine Romanfigur …

***

Schicksal, wenn es dich gibt, dann schicke mir ein Zeichen. Aber bitte ganz schnell. Ich halte diese Ödnis nicht mehr aus, murmelte ich vor mich hin, als ich das Café verließ.

Jenny hatte Barry White endlich den Hahn abgedreht, war mit ihrem Rüdiger nach unten gekommen und ich hatte gefragt, ob ich jetzt gehen könne. Ich hatte keine Lust, neben den beiden zu stehen und ihnen beim Knutschen zuzuschauen. Zu tun gab es ja nichts. Sie hatte gnädig genickt, mich herzlich gedrückt und als sie mir Geld geben wollte, hatte ich den Kopf geschüttelt. Sie hatte, wenn es hochkam, hundert Euro Umsatz gemacht. Die brauchte sie für sich selbst.

Liebes Schicksal, fing ich noch mal an, diesmal etwas freundlicher. Du siehst doch, dass ich gerade ein gutes Werk getan und für die neue Turnhalle gespendet habe. Könntest du das bitte mal kurz belohnen?

Ich schaute zum Himmel und wartete darauf, dass er sich öffnen und einen Blitz schicken würde, um mir den Weg in ein verheißungsvolles Leben zu weisen.

Aber nichts passierte. Also lief ich weiter.

Eigentlich hätte ich links abbiegen müssen, mein Gefühl zog mich jedoch nach rechts und so beschloss ich, im Supermarkt vorbeizugehen, um Waschpulver einzukaufen.

Sicher ist sicher.

Ich kannte das schon, dass ich zu Hause vor der Waschmaschine stand und in den leeren Karton starrte. Und da ich sowieso durch die Regale gehen musste, konnte ich mir gleich noch eine Tafel Vollmilch-Nuss für den Abend gönnen, wenn ich alleine auf dem Sofa sitzen würde.

Heute bist du eine echte Jammerliese. Reiß dich mal zusammen!

Als ich den Supermarkt verließ, hatte ich nicht nur die Schokolade, sondern auch noch Himbeereis und einen Becher Sahne eingepackt. Ohne Sahne war für mich ein Eis nicht einmal halb soviel wert wie mit.

Die schwere Tasche in der einen und den großen Waschpulverkarton in der anderen Hand machte ich mich auf den Heimweg. Der Himmel hatte sich zugezogen und ein leichter Wind wehte mir die Haare ins Gesicht.

Aprilwetter!

Ich legte einen Schritt zu, um trocken nach Hause zu kommen.

Und dann passierte es …

Ohne das kleinste Anzeichen riss der Boden der Papiertasche und meine Einkäufe plumpsten auf das Kopfsteinpflaster. Ich fluchte und sah den vier Äpfeln nach, die ich mitgenommen hatte, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Nun kullerten sie über das abschüssige Pflaster, bis sie im Rinnstein liegen blieben. Vielleicht ein Hinweis, mich lieber auf das Eis mit Sahne zu konzentrieren?

Ist das das Zeichen, Schicksal? Ich schaute hoch zum Himmel. Dann musst du an meiner Bestellung aber noch ordentlich feilen!

Ich holte die Äpfel aus dem Rinnstein, stopfte sie mit der Schokolade, dem Eis und der Sahne – Glück im Unglück, dass der Becher ganz geblieben war – in meine Handtasche, klemmte mir das Netz mit den Kartoffeln unter den Arm, schnappte mir das Waschpulver und hastete die Straße entlang.

Und dann … passierte noch einmal etwas.

Der Wind wehte mir schon wieder die Haare ins Gesicht und ich konnte sie nicht zur Seite streichen, weil ich mit dem schweren Zeug zu kämpfen hatte. So bog ich fast blind um die Ecke und stieß ich mit jemandem zusammen, der genauso unaufmerksam war, wie ich.

„Können Sie denn nicht …“

Mir blieb das Wort ‚aufpassen‘ im Hals stecken.

Vor mir stand ein Mann, den ich in unserem Ort noch nie gesehen hatte. Das wäre an und für sich nichts Besonderes gewesen. Aber einen wie ihn hätte ich hier niemals erwartet. Er sah aus, als sei er gerade einem Werbeplakat für einen herben, männlichen Duft entstiegen. Nicht, dass er nackt gewesen wäre, wie die hübschen Kerle, die sich in der Brandung räkelten. Nein, er trug eine schwarze Jeans, ein weißes T-Shirt, eine coole Lederjacke und eine Sonnenbrille, obwohl die Chance darauf, dass er sie am heutigen Tag noch brauchen würde, ziemlich gering war.

Und er duftete unwiderstehlich.

„Entschuldigung“, sagte dieser Traum von Mann, schob seine Sonnenbrille hoch und sah mich mit türkisfarbenen Augen an.

„Macht nichts“, antwortete ich und wollte mir mit der Hand durch die Haare fahren.

Auf halbem Weg merkte ich, dass das nicht ging, weil der Waschmittelkarton dranhing. Schnell ließ ich sie wieder sinken und schüttelte nur den Kopf, um die Haare über die Schulter zu befördern.

Habe ich noch Lippenstift drauf?, versuchte ich, mich zu erinnern.

Denn ohne Lippenstift sah ich im wahrsten Sinne des Wortes farblos aus und das war das Letzte, was ich jetzt gerade wollte – farblos sein.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Er grinste mich mit unverschämt weißen Zähnen an. Und sein Mund! Ein richtiger Knutschmund war das!

„Mir ist die Tasche gekracht“, sagte ich und ärgerte mich, dass mir nichts Geistreicheres einfiel.

„Was Sie nicht sagen!“, lachte er und streckte seine Hand aus.

Ich schaute ihn verständnislos an. War es üblich, sich die Hand zu schütteln, wenn man gegeneinanderstieß?

„Na, geben Sie Ihren ‚Weißen Riesen‘ schon her!“

Ach, so! Er wollte mir tatsächlich tragen helfen. Ich ließ den Griff des Kartons in seine Hand gleiten und zuckte kurz zusammen, als ich seine Haut berührte.

Überrascht sah er mich an. Hatte er den kleinen Stromstoß auch gespürt?

„Zwischen uns beiden funkt es ja ordentlich!“, meinte er grinsend.

Schnell schlug ich die Augen nieder.

Jetzt spiel nicht die Schüchterne! Nutz die Chance, die direkt vor dir steht.

Also hob ich den Blick, zog eine Augenbraue hoch und sagte spöttisch: „Könnte man meinen. Ein wahrer Funkenregen.“

Dann nahm ich das Netz mit den Kartoffeln und drückte es ihm in die andere Hand. Dieses Mal ohne Hautkontakt. Leider.

„Wenn man einer Frau den kleinen Finger reicht …“, lachte er.

„Darf Mann froh sein, wenn sie ihn ergreift“, ergänzte ich und lachte ebenfalls.

Dann sah er mich fragend an.

Ja?

„Wo geht’s lang? Rechts oder links?“

„Rechts“, sagte ich schnell und lief los.

Sofort war er hinter mir und fing an, mich auszufragen.

„Ich heiße übrigens Bastian Schröder. Und Sie?“

„Ariane. Ariane Fischer.“

„Ziemlich altmodischer Name, meinte er. „Aber irgendwie hübsch.“

„Namen sucht man sich ja nicht selbst aus, Bass-tie-ahn.“

Er lachte nur und fragte: „Wohnen Sie weit weg?“

„Warum? Tun Ihnen bereits die Arme weh?“

„Dafür, dass ich Ihre Sachen schleppe, sind Sie ganz schön frech.“

Ja, das war ich immer, wenn mir ein Mann gefiel. Entweder war mein Mund wie zugeklebt, oder ich stellte meine Stacheln auf.

„Moment mal bitte.“

Ich blieb stehen, kramte in meiner Handtasche, zog die Tafel Schokolade heraus, brach ein Stück ab und schob es ihm zwischen die Lippen.

Das schien ihm zu gefallen, denn seine Augen blitzen auf.

„Hmmm“, machte er.

Erschrocken über meinen Mut lief ich schnell weiter.

„Und wo wohnen Sie nun?“

„Hier!“

Ich blieb vor einem Dreifamilienhaus stehen.

„Oben unter dem Dach.“

Er ging auf die Haustür zu.

„Sie können mir die Sachen wieder geben“, sagte ich und im gleichen Moment fragte ich mich, ob die Begegnung mit diesem attraktiven Kerl damit zu Ende war.

„Ich hätte Ihnen das Zeug auch hochgetragen“, meinte er.

„Sie haben es doch nur auf meine Schokolade abgesehen“, grinste ich.

„Seien Sie sich da mal nicht zu sicher.“

Plötzlich schaute er mich ernst an. Und ich überlegte. Sollte ich? Sollte ich nicht? Ein fremder Mann … gerade erst kennengelernt … war das nicht irgendwie schräg?

Da stellte er den Karton mit dem Waschpulver ab und legte die Kartoffeln oben drauf.

„Wir sehen uns“, sagte er, grinste mich an und lief davon.

Er lief einfach davon!

Ich konnte es kaum fassen. Der musste sich doch noch mal umdrehen. Er musste einfach!

Aber er tat es nicht.

Schnell rief ich ein aufmunterndes „Danke!“ hinter ihm her.

Selbst da drehte er sich nicht um, sondern hob nur seine Hand mit dem gestreckten Daumen, während die ersten Tropfen auf uns niederprasselten.

***

Gut gemacht, Ariane! Da kommt einmal ein gut aussehender Typ in das Kaff. Ein ein-zi-ges Mal! Dann schickt das Schicksal dir auch noch Regen. Und was machst du? Du lässt ihn laufen!

Aber was wäre passiert, wenn ich ihn mit hoch gebeten hätte? Ich schaute mich um. Im Wohnzimmer hatte ich ein Durcheinander an Zeitschriften, Büchern, einer halb vollen Pizzaschachtel, Klamotten und Schminkzeug verstreut. In der restlichen Wohnung sah es auch nicht besser aus. Und selbst wenn er nach dem ersten Blick gemerkt hätte, dass ich eine Schlampe bin … wie wäre es weitergegangen?

Ein Drink, ein Kuss?

Und dann?

So ein Sahneschnittchen wie er war doch nur aus Versehen hier gelandet. Den hätte ich nie mehr wieder gesehen. Es sei denn, ich hätte ihn ins Schlafzimmer gezerrt und vernascht, um ihn danach anzuflehen, mich mitzunehmen in eine Welt, die aufregender war als meine.

Oh, Mann! Bist du verzweifelt! Hast du sonst nichts drauf?

„Da kommt kein Ritter auf seinem Schimmel!“, hatte mir meine Mutter jahrelang eingetrichtert. „Du musst die Dinge, die du willst, selbst tun.“

Ja klar, Mama. Aber wie ich die Dinge tun muss, davon hast du mir kein Wörtchen gesagt.

Ich schlug mir mit der Hand an die Stirn. Einen Regenschirm hätte ich ihm natürlich anbieten können. Dann hätte er einen Grund gehabt, wiederzukommen …

Zu spät! Chance vertan! Schicksal, nächstes Mal bitte so, dass selbst ich es kapiere!

Frustriert räumte ich meine Einkäufe in die Schränke. Dann stand ich unschlüssig in der Küche herum.

Was tat einer wie er in einem Ort wie diesem? Ich hatte ihn in unserem Kaff noch nie gesehen und durch die Arbeit bei der Bank kannte ich so ziemlich jeden.

Wahrscheinlich hatte er jemanden besucht! Seine Oma, die kranke Tante, einen alten Lehrer, der sich auf dem Land zur Ruhe gesetzt hat. Irgendetwas in der Art. Und sicher saß er längst in seinem Auto und flüchtete …

Obwohl ich darauf wirklich keine Lust hatte, stopfte ich die Waschmaschine voll, spülte das Geschirr und saugte den Boden.

Und falls er doch hier wohnen sollte – was ich mir absolut nicht vorstellen kann – wo geht einer wie er hin?

In unserem Dorf war die Auswahl begrenzt. Mal abgesehen von dem altmodischen Café meiner Freundin und dem hippen Coffee Shop gab es eine Pizzeria, ein griechisches Lokal und eine Wirtschaft, in der nur die Einheimischen verkehrten, mit einer Pension, in der nie jemand abstieg.

Willst du die jetzt alle der Reihe nach abklappern?

Wie peinlich wäre das denn?

Ich ließ mich auf das Sofa fallen und drückte auf die Fernbedienung.

***

„Süße, mach nicht rum! Wenn dir schon mal einer gefällt, dann tu etwas. Wenn der Typ wirklich so eine Rakete ist, wird er nicht im Zimmer einer heruntergekommenen Pension versauern, sondern etwas erleben wollen. Also überleg: Wo könnte er hingehen? Und dort lässt du dich dann blicken!“

Jenny redete auf mich ein wie auf einen bockigen Esel, der auf die Rübe vor seiner Nase nicht reagieren will.

„Ha! Vielleicht in die Dorfschänke? Ich könnte mich ja aufgetakelt an den Altherren-Stammtisch setzen, ein Bier trinken und eine Runde Skat mitspielen.“

Ich hatte mir über die Möglichkeiten doch bereits selbst den Kopf zerbrochen. Aber hier gab es nichts. Gar nichts! Und außerdem … wer sagte denn, dass er – falls ich ihn überhaupt aufstöberte – Lust hatte, mich wiederzusehen? Jagen war eindeutig Sache des Mannes.

„Also gut!“, sagte Jenny entschlossen. „Ich bin in zehn Minuten bei dir und hole dich ab. Dann drehen wir eine kleine Runde.“

„Ach, das ist ja so kindisch! Ich bin doch kein Teenie mehr.“

„Willst du ihn wiedersehen oder nicht?“

„Ja, schon … Aber, nee. Lass mal. Wenn das Schicksal will, dass ich ihn noch mal treffe, wird es ihn mir wieder vorbei schicken. Mach du dir einen schönen Abend mit deinem Rüdiger.“

„Du weißt schon, dass man im Leben nichts so sehr bereut, wie verpasste Gelegenheiten?“

„Ja, Schatz!“, stöhnte ich. „Aber was ich nicht weiß, ist, ob er mich auch für eine Gelegenheit hält. Selbst wenn ich ihn finde … stell dir vor, er verdreht die Augen, weil er keinen Bock hat, mich zu sehen!“

Jenny brummelte etwas und verabschiedete sich.

Ich erhob mich von meinem Sofa, ging in die Küche, holte das Eis und die Sahne heraus und dann stellte ich beides zurück.

Tu etwas Vernünftiges, redete ich mir zu. Mach erst ein wenig Sport und zur Belohnung gibt es was Süßes.

Unlustig stieg ich in meine Joggingschuhe, schlüpfte in eine Jacke und lief schnell die Treppe nach unten, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Draußen war es bereits dunkel und ein kühler Wind strich mir um die Nase, als ich die Haustür öffnete. Schaudernd zog ich die Schultern hoch und dachte mit Sehnsucht an mein Sofa.

Wenigstens einmal um den Block!

Sonst umrundete ich ja gerne den Weiher, dessen Zugang  so gut versteckt hinter ein paar Trauerweiden lag, dass ihn nur die Einheimischen kannten. Doch samstagabends fuhren die Liebespaare über einen Schleichweg zum ‚Knutschweiher‘ und erst recht heute, bei diesem schlechten Wetter, würden sie in ihren Autos sitzen und sich küssen. Das zu sehen, musste ich mir in meiner momentanen Stimmung nicht antun.

Ich begann mit einem gemächlichen Laufschritt und legte, kaum an der nächsten Ecke angelangt, an Tempo zu. Schnell bekam ich Seitenstechen. Die Hand in die Taille gepresst, blieb ich stehen und schnaufte, als hätte ich gerade einen Lauf von zehn Kilometern hinter mich gebracht. Nein, ich war wirklich nicht besonders sportlich, aber ohne Fleiß kein Preis oder – in meinem Fall – ohne Bewegung kein Eis.

Also biss ich die Zähne zusammen und rannte weiter in Richtung Ortsmitte. Um diese Zeit war nichts mehr los auf der Straße, da würde mich eh niemand sehen.

Dachte ich jedenfalls …

Bis mir ein paar hundert Meter später meine Kollegin Jaruszikielicz-Wieczorek entgegenkam. Wenn es ging, vermied ich es, ihren Namen auszusprechen, da ich Angst hatte, mir die Zunge zu verknoten. Irgendwann musste ich sie mal fragen, wieso ihr ein komplizierter Name nicht ausgereicht hatte. Bisher hatte ich mich das nicht getraut, weil sie viel älter als ich und schon ewig bei der Bank beschäftigt war.

„Guten Abend, Frau Fischer“, rief sie mir zu und so hatte ich keine Wahl, als stehen zu bleiben.

Ich schnaufte übertrieben stark und stieß: „Hallo, Frau Jaru…kie..wie…rek“ hervor, damit sie von meinem Zungenverknotungsproblem nichts merkte.

„Tüchtig, tüchtig“, antwortete sie und sah mich prüfend an. „Passen Sie auf, dass Sie sich nicht erkälten. Ich meine, Sie sind etwas zu leicht bekleidet.“

„Deswegen laufe ich am besten gleich weiter“, griff ich nach dem Strohhalm, den sie mir unabsichtlich gereicht hatte.

Doch bevor ich das in die Tat umsetzen konnte, hielt sie mich an der Jacke fest: „Frau Fischer, ich müsste mal kurz mit Ihnen sprechen.“

Oh, weia! Was kommt jetzt?

Sie war ja eine nette Frau, aber wenn sie erst einmal anfing zu reden, dann fand sie selten ein schnelles Ende. So ähnlich, wie es bei ihrem Nachnamen der Fall war.

Ich trippelte auf der Stelle, um nicht kalt zu werden.

„Worum geht es denn? Sie sehen ja, dass ich gerade Sport mache …“

„Nur ganz kurz, Frau Fischer.“

„Ja?“

„Ich habe gestern unseren Kollegen Gebhard getroffen.“

„Ja?“

„Der Kollege hat mir im Vertrauen – und bitte behalten Sie es unbedingt für sich …“

Ich nickte bestätigend, weil ich nicht wollte, dass sie noch weiter ausholte.

„Also, Kollege Gebhard hat mir im Vertrauen erzählt, dass es in der Bank Probleme gäbe!“

Als sie das sagte, schaute sie, als hätte sie gerade das ‚Wort zum Sonntag’ verkündet.

„Was für Probleme? Dass der neue Getränkeautomat noch immer nicht aufgestellt wurde oder dass …“

Ihr strafender Blick ließ mich verstummen.

„Er meinte, dass die Filiale womöglich geschlossen werden muss!“

Wie auf Kommando hörte ich mit dem Trippeln auf und stellte beide Füße fest auf den Boden, als könne das meine Welt, die gerade bedenklich ins Taumeln geriet, wieder ins rechte Lot rücken.

„Wie kommt er denn auf die Idee?“

„Na, passen Sie mal auf …“

Und dann hielt sie mir einen Vortrag darüber, dass die Konkurrenzbank sich mit einer anderen Bank zusammengetan habe, dass sie dadurch plötzlich sehr viel größer als unsere sei, dass für zwei Geldinstitute das Potenzial in unserem kleinen Ort fehle und die Filiale wegen Unrentabilität geschlossen würde.

Endlich hatte sie mir alles erzählt, schwieg erschöpft und ich zitterte … ein wenig, weil ich Angst hatte, an ihren Worten könnte etwas Wahres sein, aber vor allem, weil ich die ganze Zeit über stillgestanden hatte und die Kälte langsam meine Glieder hochkroch.

„Wir wissen ja gar nicht, ob es tatsächlich richtig ist, was der Kollege gesagt hat“, wollte ich mich selbst beruhigen.

Da er einer war, der gerne mit wilden Spekulationen um sich warf und aus einem Kontoauszug mal schnell eine komplette Jahresbilanz machte, nahm ich ihre Worte nicht wirklich ernst.

Meine Kollegin wollte von meinen Beschwichtigungsversuchen nichts hören.

„Doch, doch! Er weiß es von jemandem aus der Vorstandsebene.“

Was hatte Kollege Gebhard schon mit dem Vorstand zu tun? Als Leiter der Kreditabteilung mit einem Mitarbeiter und einem Auszubildenden brauchte er sich nicht so wichtig zu machen. Also beschloss ich, mich hier auszuklinken. So lange keine handfesten Tatsachen vorlagen, wollte ich mich nicht von ihr in Panik versetzen lassen.

„Frau … äh … Frau Jaruskisicz-Wieroczek …“

„Jaruszikielicz-Wieczorek“, fiel sie mir ins Wort.

„Ja, Entschuldigung. Aber ich muss jetzt echt weiter, sonst bin ich am Montag krank. Wir sehen uns in der Bank.“

Bevor sie etwas einwenden oder mich wieder an der Jacke festhalten konnte, war ich bereits losgelaufen.

Zur Güte rief ich noch schnell in ihre Richtung: „Schönes Wochenende wünsche ich Ihnen!“, und dann lief ich davon.

***

„Kind, was machst du? Sitzt du wieder zu Hause herum?“

Meine Mutter verstand es, mich schon mit dem ersten Satz an die Decke zu bringen.

„Wenn du nicht erwartet hättest, dass ich zu Hause sitze, hättest du ja nicht angerufen, oder?“

Die Worte waren noch nicht von meinen Lippen, da bereute ich bereits, das gesagt zu haben. Meine Mutter war wirklich lieb, aber musste sie mir ständig dieses Thema aufs Brot schmieren? Sie wusste doch, dass ich darauf grantig reagierte, sie anpflaumte und postwendend ein schlechtes Gewissen bekam.

„Ach, sei nicht immer so angriffslustig.“

Das hatte ich jetzt davon. Eine unüberlegte Bemerkung von mir und ich musste schauen, wie ich das wieder ausbügelte.

„Ich habe dich lieb, Mama!“

Das wirkte jedes Mal. Auch heute.

In versöhnlichem Ton fragte sie: „Willst du dich nicht ins Auto setzen und uns besuchen kommen? Der Neffe von Frau Wiederreit ist übers Wochenende da.“

„Mensch, Mama … bis ich bei euch wäre, würdet ihr doch schon im Bett liegen. Und der Neffe deiner Nachbarin? Also der interessiert mich nicht die Bohne!“

Wieder eine unüberlegte Bemerkung von mir … dass sie es aber auch nicht lassen konnte, mich verkuppeln zu wollen. Während ich in meinem Heimatort geblieben war, hatte sie sich vor vielen Jahren scheiden lassen und ihren Kurschatten geheiratet. Deshalb wohnte sie in einem anderen Bundesland und wir sahen uns nur alle zwei bis drei Monate. Das würde sie gerne ändern. Durch den Neffen von Frau Wiederreit zum Beispiel.

Aber ohne mich! Am Anfang hatte ich mir ihre Kuppeleien ja noch gefallen lassen und hatte sogar den kleinen Hoffnungsschimmer gehabt, dass der Traumprinz schon am Gartenzaun auf mich warten würde, wenn ich bei meiner Mutter ankäme. Doch nach einem Herrn in mittleren Jahren mit beginnender Glatze, einem pubertären Jüngling, dem ein Pickel in der Nasenfalte spross, und ähnlichen Reinfällen wollte ich davon nichts mehr wissen.

„Außerdem bin ich noch mit Jenny verabredet. Wir wollen tanzen gehen.“

Zu dieser Notlüge griff ich öfter, damit meine Mutter sich nicht darum sorgte, dass ihre längst heiratsfähige Tochter noch keinen Mann abbekommen hatte. Es war ja auch nicht ganz gelogen, denn bevor meine Freundin ihren neuen Lover kennengelernt hatte, waren wir immer zusammen ausgegangen. Doch nun wollte sie lieber etwas mit Rüdiger unternehmen, und das konnte ich gut verstehen. Mir war es bis vor ein paar Monaten, als ich noch mit Jens liiert war, nicht anders gegangen.

„Du, ich muss“, rief ich ins Telefon. Das war heute bereits das zweite Mal, dass ich mich davor drückte, mir ein ausuferndes Gespräch aufdrängen zu lassen.

Ich legte auf und schaute mich im Wohnzimmer um. Hier erinnerte nichts mehr an Jens. Nach dem großen Knall hatte ich ihn komplett aus meinem Leben verbannt. Doch ich musste nur an sein Geständnis denken, schon flatterte mein Herz und die kalte Wut überkam mich. Er hatte mir eines Abends erklärt, dass er mich nicht heiraten würde. Ja, dass er mich nicht heiraten konnte. Als ich ihn erstaunt angesehen hatte, weil ich mich fragte, was denn an mir so schlimm war, hatte er gesagt, dass er längst eine Ehefrau habe. Ich warf ihn raus und alles, was mich auch nur im Entferntesten an ihn erinnerte, wurde entsorgt. Es waren nur Kleinigkeiten gewesen, aber sie hatten das Aussehen der Zimmer geprägt, denn sie sagten, dass es jemand Wichtiges in meinem Leben gab. Fotos von uns beiden aus einer Zeit, in der ich sehr glücklich mit ihm war, die helle Wolldecke, die er mir eines Tages mitgebracht hatte, weil ich so schnell fror, die Stehlampe und die Kerzenständer, die wir auf dem Flohmarkt gekauft hatten. Nun würden sie mich nur daran erinnern, dass er mich ständig belogen hatte …

Noch am selben Tag hatte ich das ganze Zeug in den Keller getragen. Ich wollte es nicht um mich haben, aber ich brachte es auch nicht über mich, es wegzuwerfen. Irgendwann würde ich gänzlich über ihn hinweg sein und dann würde ich ein paar Sachen wieder hochholen.

Die vielen Zettelchen, die er mir immer da ließ, wenn er auf eine seiner ständigen Geschäftsreisen ging, warf ich in den Müll. Im Nachhinein war mir klar, warum er nicht gewollt hatte, dass ich ihm auch mal etwas in seine Sakkotasche schob.

Auf einmal fror ich, als wäre die Temperatur in der Wohnung um ein paar Grad abgesunken. Ich stellte die Heizung höher, obwohl ich wusste, dass das nicht helfen würde. Das Gefühl blieb und breitete sich in meinem Körper aus. Ich fühlte mich, als sei ich an diesem Samstagabend der einzige Mensch auf der Welt.

Plötzlich kam mir der Typ vom Nachmittag in den Sinn und wie er mich angelacht hatte, als er meine Sachen heim trug. Es war nur eine kurze Begegnung, aber sie war voller Leichtigkeit gewesen … und sie hatte etwas in mir keimen lassen. Das Gefühl, dass ich wieder einen Mann in meinem Leben haben wollte.

Schnell wischte ich diesen Gedanken beiseite.

So ein Quatsch!

Es waren sicher nicht mehr als zehn Minuten gewesen, die ich mit ihm verbracht hatte. Das sollte mich wirklich nicht beeindrucken.

Ich schlurfte hinüber in mein Schlafzimmer, kuschelte mich unter die Decke, klappte den Kindle auf und stieg wieder ins Paris des Jahres 1662 hinab …

„1 Mann macht noch keine Liebe“ erscheint am 1. Juli 2016!

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