Text Nr. 271

Philipp schwebte – wenn man das bei einem Mann überhaupt sagen durfte, ohne weibisch zu klingen – im siebten Himmel. Er war glücklich und fühlte sich so aufgekratzt wie nach drei doppelten Espressi.
[…]
Er merkte, wie sein Herz schneller schlug: Linda war frei und ungebunden. Er dankte dem Himmel für dessen Großzügigkeit und Güte. Das erbetene Wunder war eingetreten. Desirée hatte sich geirrt.
Beschwingt riss er ein Handtuch von der Stange im Bad und rubbelte sein Haar trocken. Nun stand ihm alles offen. Wenn er die Situation in diesem neuen Licht betrachtete, konnte er sich vorstellen, dass Linda ihn doch sympathisch fand. Vielleicht auch mehr. Das würde er nun herausfinden. Als es klopfte, war er mit drei Schritten an der Tür und öffnete sie schwungvoll.
Was er sah, ließ seine kühnsten Träume in Erfüllung gehen. Linda stand in verführerischen Dessous und offenen, frisch gefönten Haaren vor seiner Tür. Dass sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte, ließ sie nicht weniger erotisch wirken, da so ihr Dekolleté noch mehr angehoben wurde. Damit hätte sie jedem Pin-up-Girl ernst zu nehmende Konkurrenz gemacht. Er blinzelte kurz, da er noch an der Echtheit dieses Bildes zweifelte. Doch sie war immer noch da und schob sich mit den Worten „Ich brauche deine Hilfe“ in seine Kabine.
Er schloss die Tür und dachte: Aber gerne doch! Ich helfe dir mit Vorliebe, dich unendlich langsam auszuziehen und deinen ganzen Körper mit Küssen zu bedecken, bis du vor Verlangen schreist. Laut sagte er: „Gerne. Was kann ich für dich tun?“
Über dieses Angebot wollte Linda nach dem Traum der letzten Nacht lieber nicht zu genau nachdenken. „Mich mit deinem Telefon den Steward rufen lassen. Ich habe mich nämlich ausgesperrt.“
Sie versuchte, tief durchzuatmen. Als sie Philipp in der offenen Tür gesehen hatte, mit nacktem Oberkörper, feucht-verwuschelten Haaren und dem weißen Handtuch über der Schulter, war ihr Puls abgegangen, wie ein hochdekoriertes Rennpferd beim Startschuss. Man sah seinem Körper an, dass er regelmäßig schwamm. Er hatte durchtrainierte Schultern, einen straffen Bauch und schmale Hüften, die seine Jeans vorteilhaft umspannten.
Linda hatte sich auf einen anzüglichen Blick und eine dumme Bemerkung gefasst gemacht. Doch sein Gesichtsausdruck war nicht mit Gold aufzuwiegen gewesen: Freude, Überraschung, Verblüffung und, wenn sie sich nicht völlig irrte, sogar Anerkennung waren zu lesen gewesen.
Sie musste ihm zugutehalten, dass sein Blick nur einmal kurz nach unten gerutscht war, sich dann aber sofort wieder an ihren Augen festgesaugt hatte.
Sie konnte ihm seine Reaktion weiß Gott nicht verdenken.
Unauffällig blickte sie sich in Philipps Kabine um, als sie sich zu ihm umdrehte. Sie sah ihrer eigenen sehr ähnlich. Außerdem war sie erstaunlich aufgeräumt, nur ein sauberes T-Shirt lag über der Rückenlehne des Sessels und einige Prospekte der letzten Ausflüge befanden sich auf dem Tisch neben einem Stück Seil, wie Kletterer es benutzten. Auf dem Nachttisch lag seine Brille und ein Thriller von Dan Brown. Keine schmutzigen Socken auf dem Boden. Keine zusammengeknüllte Jeans in der Ecke.
„Setz dich doch. Hier ist die Bordzeitung. Darin findest du sicher auch die Nummer des Stewards. Kann ich dir etwas zum Anziehen anbieten?“
Sie zögerte. Es wäre bescheuert, jetzt einen auf unnahbar und selbstständig zu machen. Mit einem Kleidungsstück mehr würde sie sich in seiner Gegenwart bedeutend wohler fühlen. Seufzend nickte sie und ließ sich auf einem der zwei blau bespannten, schweren Sessel nieder, um nach der Durchwahl zu schauen und den Steward anzurufen.
Während sie kurz mit ihm telefonierte, bewunderte sie das Spiel von Philipps fein definierter Rückenmuskulatur, als er den Schrank öffnete und zwei T-Shirts herauszog. Kurz bevor er ihn jedoch wieder schloss, blitzte zwischen den Hosen etwas Metallisches auf. Sie blinzelte irritiert und verstand. Er hatte vermutlich seine Handschellen dort deponiert, um sie jederzeit griffbereit zu haben. Eine Kolonie Ameisen schien über ihren Rücken zu krabbeln. Wie würde er sie benutzen? War er dabei zärtlich und sanft zu seinen hilflosen Opfern oder liebte er es, sie härter anzupacken? Nun bekam die schwarze Kordel auf dem Tisch auch eine neue Bedeutung. Benutzte man so was nicht auch als Handschellenersatz? Erschrocken über ihre Fantasien rief sie sich zur Ordnung. Man sollte nicht in der Höhle des Löwen mit rohem Fleisch spielen.
Philipp reichte ihr ein weißes T-Shirt und zog sich selbst eines an. „Jetzt, wo wir alleine sind, würde ich dich gerne …“
Linda verharrte beim Anziehen in der Bewegung. Was wollte er mit ihr anstellen? Sie voll Begehren auf sein Bett werfen, lustvoll fesseln und unanständige Dinge mit ihr treiben? Bilder ihres Traums tauchten vor ihrem geistigen Auge auf und ließen sie erzittern. Mit einem Ruck zog sie das T-Shirt ganz über den Kopf. Es reichte ihr fast bis zu den Knien.
Fragend blickte sie ihn an. Sein Gesichtsausdruck war einfach nur freundlich und aufrichtig. Sie bemerkte, dass sie den Rest des Satzes nicht mitbekommen hatte. „Entschuldige bitte, was hast du gerade gesagt?“

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