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Aufruhr in Alaska (aus dem Roman „Papa – Probetraining“)

Unseren Zoo-Rundgang wollte ich in den Dschungelwelten Asiens beginnen. Leo stimmte für Afrika.

„Weil es da die wilden Löwen gibt … und lustige Affen.“

Wir einigten uns schließlich auf die Alaska-Tour als Kompromiss. Dann, im ersten Gehege, direkt vor uns – ein sibirischer Luchs. Geschmeidig und kraftvoll, ein schöner Anblick. Ich versuchte, Leo auch für die Informationstafeln zu begeistern. Warum soll ein Kind nicht auch etwas lernen bei so einem Zoobesuch?

„Guck mal hier, Leo, wen der so alles frisst. Rehe, Hasen, Füchse, Marder …was …wie bitte? Wie der die frisst? Äh … ja, so genau müssen wir das eigentlich nicht wissen, Leo.“

Kurz darauf bekamen wir selbst Hunger und futterten gemütlich auf einem Baumstamm sitzend unsere Stullen. Merkwürdig, obwohl wir nicht miteinander redeten, hatte ich das Gefühl, dass wir uns ein kleines Stück näherkamen. Ich bin ja niemand, der Kinder grundsätzlich süß findet. Oder alles toleriert, was diese kleinen Strolche an Dummheiten anstellen. Aber hier so ganz entspannt neben diesem Jungen zu sitzen, das gefiel mir. Der alte Mann und das Kind. Ein Kind mit ungewöhnlicher Ausstrahlung, genau so, wie es mir Susanne beschrieben hatte. Ich glaube, es lag vor allem an seiner Art, der Welt immer noch freundlich und mit Neugier zu begegnen. Trotz der gemachten Erfahrungen hatten seine Augen nicht diesen traurigen Glanz einer verletzten Kinderseele angenommen. Dieser Junge ließ sich einfach nicht unterkriegen. Streit sollte man mit so einem Energiebündel wohl besser vermeiden. Wenn das überhaupt möglich war, Konflikten mit Kindern aus dem Weg zu gehen. Wahrscheinlich ziemlich naiv von mir, diese Wunschvorstellung. Nun, zum Glück herrschte eine friedliche Stimmung und so zogen wir frisch gestärkt weiter.

Das nächste Tier tauchte sofort unter, als es uns kommen sah, doch ich erkannte, dass es ein Biber war, dafür brauchte ich nicht einmal die Infotafel. Ich erzählte dem Jungen, was diese Burschen für tolle Staudämme bauen, doch leider gab es hier keinen einzigen.

„Dann eben nicht, du Spielverderber!“

Der Biber schien ebenfalls beleidigt, jedenfalls tauchte er nicht mehr auf. Leo rührte sich nicht vom Fleck. Meine Aufforderung zum Weitergehen überhörte er einfach, deshalb versuchte ich es wie der alte Leitwolf: Energisch voranschreiten, damit das kleine Wölfchen aus Angst vor dem Alleinsein hinterhergedackelt kommt.

Zu entdecken gab es jetzt den „Baumstachler“, ein kugeliges Etwas mit vielen Stacheln. Ich eroberte einen strategisch günstigen Platz mit guter Sicht, direkt neben der Infotafel. Doch wo war Leo? Er war nirgends zu sehen. So ein Mist, ich hatte ihn verloren! Wo war die kleine Kröte nur hin? Hm…was macht denn so ein Junge in dem Alter? Will er als Erster am nächsten Gehege sein oder bleibt er einfach irgendwo stehen? Da kenne sich einer aus mit der kindlichen Psyche. Ich beschloss, zurückzugehen zum Bibergehege. Wieso stand dort auf diesem Schild „Kanadischer Fischotter“? Sehr merkwürdig.

Während ich noch darüber nachgrübelte, tauchte er wieder auf. Also der Biber, der jetzt plötzlich ein Otter sein sollte. Aber auch Leo. Er hing mit konzentriertem Blick am Wasserbecken und hatte mich überhaupt nicht vermisst. Erklärte mir dann ganz ernsthaft, dass dieses Tier in regelmäßigen Abständen erscheinen würde, man müsste nur geduldig warten. Geduldig warten? Das hatte mir noch gefehlt. Ich nahm den Burschen an die Hand und zerrte ihn weiter.

„Ja, Leo – ein anderes Mal. Aber bislang haben wir erst eine Handvoll Tiere gesehen und dafür eine kleine Ewigkeit gebraucht, wir müssen jetzt unbedingt mal vorwärtskommen!“

In so einem großen Tierpark kann man sich ohne weiteres verzetteln, wenn man kein gut durchdachtes Konzept hat. Mein Plan war es, zügig dem ausgeschilderten Rundgang zu folgen, denn der wird schließlich von studierten Fachleuten entworfen. Die sollten es doch wissen, wie man zeitsparend vorwärtskommt. Es folgten: ein kurzer Aufenthalt bei den Elchen, ein Blick auf die Eisbären, flott zu den Wölfen, zügig die Seehunde, fix die Polarfüchse, Braunbären, Rentiere, Schneehühner…

Erschöpft legten wir an der Imbiss-Bude, die sich hier „Alaska Fritten Ranch“ nannte, einen Zwischenstopp ein.

Mein kleiner Begleiter dachte eine ganze Weile nach, dann teilte er mir stolz seine Entscheidung mit: „Pommes mit Ketchup, Majo und Senf!“

Hallelujah! Was sollte das denn werden? Ich zögerte mit der Bestellung.

Aus den hinteren Reihen hörte man erste Anfeuerungsrufe wie: „Mach mal hinne!“ oder „Mann, datt kann doch nich so schwer sein!“

Der Zuruf „Werden die Pommes heute einzeln abgezählt, oder watt!?“, wurde sogar mit Beifall bedacht!

Zum Glück war der Junge einsichtig und bestellte: Eine doppelte Pommes mit Senf! „Gleich werden die nachtaktiven Tiere munter!“, war noch das Netteste, was uns hinterhergerufen wurde. Wir setzten uns dann, so unauffällig wie möglich, in die hinterste Ecke der Holzbaracke. Ich schwieg und Leo schwatzte. Der Kleine konnte fröhlich plappern und dabei in aller Ruhe seine Pommes essen. Ein sprechender Pürierstab. Der Senf – die Portion zu 60 Cent – blieb allerdings liegen.

Aber warum? Der Junge war doch ein pfiffiges Kerlchen. Sicher, Erwachsene machen auch Dummheiten, kaufen manchmal zu viel oder das Falsche. Haben die einen vernünftigen Grund dafür? Nee, meistens nicht. Warum sollte sich also ein Kind schlauer verhalten?

Wieso hat man überhaupt diese Erwartungen an ein Kind? Da musste ich unbedingt mal Susanne fragen, die sollte das doch eigentlich wissen. Sie hatte mir erst neulich „Die Entwicklungspsychologie des Kindes“ geliehen. Das Buch lag zurzeit auf meinem Nachttisch und verstaubte dort. Falls ich jemals wieder unversehrt nach Hause zurückkehren sollte, würde ich es lesen, versprochen!

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