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Champagner und ein Stück vom Glück

Liebe LeserInnen,

hier kommt ein erster Blick in meinen neuen Roman „Champagner und ein Stück vom Glück“, der in wenigen Tagen als E-Book und einige Tage später als Print bei Amazon erscheinen wird.  Es handelt sich dabei um eine Fortsetzung von „Neubeginn im Rosenschlösschen“, die jedoch auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann 😉

Viel Spaß wünscht – Brigitte

„Was mache ich eigentlich hier?“, fragte sich Helga, während sie auf ihren Koffer wartete.

Richtig, Lars hatte sie eingeladen. Außerdem war sie einsam, und sie mochte Männer, die charmant waren und gut kochen konnten. Aber das war noch lange kein Grund nach Hamburg zukommen – da hatte ihre Mutter doch ausnahmsweise einmal recht.

Auch dass ihr Sohn Benny mit seinem Vater Schiurlaub machte, schien ihr nun kein hinreichender Grund mehr, den Jahreswechsel mit einem Mann zu verbringen, den sie genau genommen kaum kannte.

Vielleicht hätte sie doch Susannes Einladung ins Rosenschlösschen annehmen sollen. Sie hätte Silvester aber auch mit ihren Eltern feiern oder einfach verschlafen können.

Allerdings kam diese Einsicht zu spät. Sie hatte ihren Trolley mittlerweile vom Band gehievt und machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Wenige Minuten später breitete Lars überschwänglich die Arme aus. „Helga, meine Liebe, was für eine Freude!“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich freue mich auch, hier zu sein. Danke, dass du mich abholst, ich hätte doch auch ein Taxi nehmen können.“

„Niemals! Dann hätte ich noch eine ganze Stunde länger auf dich warten müssen“, rief er, schnappte sich ihren Trolley, legte einen Arm um ihre Taille und schob sie in Richtung Parkplatz.

„Wie lange kannst du bleiben?“

„Mein Rückflug ist für den vierten Jänner gebucht.“

„So bald schon? Dann lass uns die wenigen Tage genießen. Heute Abend übernimmt mein Sous-Chef, und wir beide machen es uns gemütlich. Was hältst du davon? Morgen habe ich natürlich Großkampftag, das haben wir ja besprochen. Dafür ist das Restaurant nach Silvester einige Tage geschlossen, dann werde ich dir Hamburg zeigen!“

In der Zwischenzeit waren sie bei seinem Auto angelangt. Nobler Schlitten. Während er ohne Unterlass weiterredete, sah Helga aus dem Fenster. Es war nebelig und trüb, das entsprach ziemlich genau ihrer Stimmung.

Dabei hatte sie sich doch so auf diese Tage gefreut. Wann genau hatte das umgeschlagen? Als ihre Mutter sie mit hochgezogener Augenbraue gefragt hatte, ob sie sich das auch genau überlegt habe? Als Benny ausgeflippt war, weil sie sich mit einem anderen Mann traf? Oder erst gestern, seit dem Telefonat mit Susanne? Ihre Mutter war reichlich konservativ und ihr Sohn noch ein Kind, aber Susanne war weder prüde noch zimperlich – dennoch schien es, als wollte sie Helga vor etwas warnen. Vor Lars? Lächerlich. Lars war vielleicht nicht die Idealbesetzung für die Rolle des treu sorgenden Ehemanns, aber dieses Kapitel war für Helga ohnehin ein für alle Mal abgehakt. Auch eine feste Beziehung kam nicht infrage, und das nicht nur, weil Lars sein Leben in Hamburg hatte und sie das ihre in Wien. Nach der Pleite mit Paul war sie noch lange nicht bereit, über eine neue Beziehung auch nur nachzudenken – schon wegen Benny.

Was Benny jetzt wohl machte? Hoffentlich passierte ihm nichts, er war ein so rasanter Schifahrer. Genau wie sein Vater. Natürlich wusste sie, dass Paul im Grunde ein verantwortungsbewusster Vater war, aber auf der Piste konnten die beiden einfach nicht genug bekommen.

Helga versuchte, ihre innere Unruhe niederzukämpfen. Bisher waren sie schließlich immer gut zurückgekommen, und wenn Vater und Sohn sich amüsierten, war es doch nur recht und billig, wenn sie sich auch eine Auszeit gönnte, weit weg von Wien und den Mühen des Alltags.

Sie war gekommen, um sich ein paar Tage zu amüsieren. Nicht mehr und nicht weniger. Das stand ihr doch zu, verdammt noch mal. Warum hatte sie ständig das Gefühl, sie müsse sich rechtfertigen, vor allem vor sich selbst?

Lars hatte in der Zwischenzeit einen ziemlich genauen Plan für die nächsten Tage entworfen. Helga hatte nicht genau zugehört, aber sie würde es schon noch rechtzeitig erfahren.

Die Fahrt zog sich, in der Zwischenzeit war es dämmrig geworden.

„Ich bringe dich gleich in dein Hotel, es liegt nur wenige Schritte vom Landhausentfernt. Wie lange brauchst du, um dich frisch zu machen?“

„Wäre eine Stunde für dich in Ordnung?“

Lars zwinkerte ihr zu. „Ich werde die Sekunden zählen und dich mit Ungeduld und einem Glas Champagner erwarten.“

Als Helga eine knappe Stunde später das Landhaus betrat, hörte sie Lars‘ Stimme aus der Küche. Es hörte sich allerdings nicht nach Sekundenzählen an, mehr nach Ungeduld.

Ein Kellner eilte ihr dienstbeflissen entgegen und schloss im Vorbeigehen die Tür zur Küche.

„Guten Abend, die Dame. Wir öffnen leider erst in wenigen Minuten. Darf ich Sie in der Zwischenzeit an die Bar bitten?“

„Gerne, aber Herr König erwartet mich“, antwortete Helga mit einem Lächeln.

Der Kellner verbeugte sich leicht. „Dann darf ich Ihnen vorab einen Drink anbieten? Ein Glas Champagner vielleicht? Herr König wird gleich bei Ihnen sein.“

Champagner also, nobel. Hatte sie schon länger nicht getrunken.

In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte Paul sie zum Hochzeitstag immer in ein exklusives Restaurant eingeladen, später waren sie nur noch zum Italiener ums Eck gegangen, und irgendwann hatte er auch dazu keine Lust mehr gehabt.

„Entschuldige, meine Liebe“, unterbrach Lars ihre Gedanken, „aber kaum bin ich nicht da, wird schon geschludert. Unser Azubi schneidet die Zwiebel für das Beef-Tartar in Riesenquader statt in kleine Würfelchen. Dabei muss sie gerade in diesem Fall besonders fein geschnitten werden, nur so verbindet sie sich mit dem Fleisch und den Gewürzen zu diesem unvergleichlichen Aroma. Jan! Ah, da sind Sie ja. Für mich bitte auch ein Glas Champagner. Meine Liebe, soll man uns das Menü hinaufbringen oder möchtest du etwas anderes? Wenn du lieber Pasta hättest, kann ich dir die Kürbisravioli in Salbeibutter empfehlen. Die Dorade im Kräuterbeet ist allerdings auch nicht zu verachten, und solltest du Lust auf …“

„Kürbisravioli wären ganz wunderbar“, unterbrach Helga rasch.

„Und danach? Vielleicht …“

„Für mich bitte einfach nur Kürbisravioli, wenn das möglich wäre.“

„Jan, bitte zweimal Kürbisravioli, aber als Hauptgang, und Blattsalat dazu. Danach bringen Sie uns bitte etwas Käse. Oder möchtest du lieber etwas Süßes? Ein Soufflé oder lieber Obst?“

„Gerne etwas Obst.“

„Also, Jan, dann bitte einen Obstteller für die Dame, Käse für mich. Wir gehen jetzt nach oben.“

Galant reichte er Helga seinen Arm und gemeinsam verließen sie die Bar.

Am Empfangstisch thronte nun eine ältere Dame mit schlohweißem Haar und einer imposanten schwarzen Brille vor einem großen Buch.

„Mutter, darf ich dir Helga Wagner vorstellen, eine sehr liebe Bekannte aus Wien. Helga, das ist meine Mutter, Elsa König.“

Die Damen reichten einander die Hände und murmelten „Sehr erfreut“, dann zog Lars Helga auch schon weiter.

Seine Wohnung lag im ersten Stock des Hauses und war, anders als das Restaurant, sehr modern eingerichtet. Anfangs fühlte Helga sich in dem kühlen Ambiente etwas unwohl, aber sein fröhliches Geplauder und ein weiteres Glas Champagner halfen ihr dabei, sich bald wieder so wohl und entspannt zu fühlen wie an jenem Abend im Rosenschlösschen, als sie ihn kennengelernt hatte. Wenn sie nun schon mal hier war, würde sie die kleine Auszeit auch genießen. Mal sehen, wie sich die Dinge entwickelten.

Am nächsten Morgen frühstückte Lars noch rasch mit Helga im Hotel, dann eilte er in seine Küche, um die Warenanlieferung zu überprüfen. Helga vergewisserte sich telefonisch bei Benny und ihren Eltern, dass alles in Ordnung war und machte sich dann, bewaffnet mit einem Stadtplan, auf den Weg. Eigentlich wollte sie in die Innenstadt gehen, doch als dann war die Sonne herauskam, entschloss sie sich, den Trubel der Innenstadt gegen die Ruhe eines Spaziergangs um die schöne Außenalster zu tauschen. Eine gute Entscheidung, wie sie bald feststellte, doch der Weg war deutlich länger als gedacht. Als Helga endlich wieder zum Hotel kam, waren mehr als drei Stunden vergangen und sie war reichlich müde.

Sie hatte sich nur kurz auf dem Bett ausstrecken wollen, doch als sie wieder aufwachte, war es bereits dämmrig. Sie machte sich eine Tasse Tee auf ihrem Zimmer, ehe sie mit den Verschönerungsarbeiten für den Silvesterabend begann. Maske, Peeling, Makeup, das volle Programm.

Zwei Stunden später war sie mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Der winterweiße Hosenanzug, den sie zu Weihnachten von ihren Eltern bekommen hatte, passte wie angegossen, und das goldene Top, das sie sich dazu geleistet hatte, gab ihm den nötigen Glamour. Dennoch spürte sie eine leichte Nervosität, als sie sich wieder auf den Weg insLandhaus machte.

Da Lars an diesem Abend in der Küche unabkömmlich war, hatten sie vereinbart, dass er sie bei einem Gläschen Prosecco mit einigen Freunden bekanntmachen würde, mit denen sie die ersten Stunden des Abends verbringen sollte. Ein Gedanke, bei dem ihr nicht ganz wohl war – aber da musste sie jetzt durch!

Diesmal eilte Lars ihr in voller Küchenmontur entgegen, begrüßte sie mit gewohnter Grandezza und führte sie ins Kaminzimmer, wo seine Mutter und ein Ehepaar mittleren Alters bereits warteten.

Lars übernahm die Vorstellung: „Helga, meine Liebe, meine Mutter kennst du ja schon. Das sind meine Freunde Frauke und Jens. Mit Frauke war ich übrigens ein paar Jährchen verheiratet.“

„Ich war Frau König, die Zweite“, lachte Frauke und streckte Helga die Hand entgegen. „Mein jetziger Mann – Jens Jansen.“ Dann wandte sie sich wieder an Lars: „Kommen Annabell und Silke auch?“

„Leider nein. Annabell ist noch auf den Kanaren und Silke hat Nachtdienst“, entgegnete Lars, warf ihnen allen eine Kusshand zu und enteilte.

„Annabell ist Frau König die Erste, Silke Frau König die Dritte“, erläuterte Frauke im Plauderton.

„Bitte wie?“, entschlüpfte es Helga. Sie wusste zwar, dass Lars mit seinen Exfrauen noch Kontakt hatte, aber niemals hätte sie damit gerechnet, dass er ihr eine von ihnen vorstellen würde. Er hatte nur erwähnt, dass Freunde im Landhaus feierten und er sie gern mit ihnen bekannt machen würde. Dass es sich dabei eine seiner Exfrauen handelte, schien außer ihr niemand eigenartig zu finden.

Später kamen dann noch ein paar Freunde von Lars dazu.

Kurz vor dreiundzwanzig Uhr kam Lars in Begleitung seines Sous-Chefs und einer ziemlich attraktiven Köchin endlich aus der Küche. Helga wusste in der Zwischenzeit bereits einiges mehr über ihn, denn Frauke war eine ebenso redselige wie bodenständige Person, die sich Helga viel eher auf dem Obsthof, den sie nun mit ihrem Mann betrieb, als an Lars‘ Seite vorstellen konnte. Dennoch fühlte Frauke sich im vornehmen Ambiente desLandhauses sichtlich wohl, was man von ihrem Mann nicht behaupten konnte. Aber das jährliche Silvester-Dinner war Lars‘ Weihnachtsgeschenk an die Jansens, wie Frauke unumwunden erzählte, und da Lars ein guter Kunde ihres Obsthofes war, blieb Jens nichts anderes übrig, als dieser Einladung zu folgen. Außerdem wusste Helga bereits, dass Frauke lange Jahre als Patissière in der Küche des Landhauses tätig gewesen war. Dort hatten sie sich kennen- und lieben gelernt, einige Jahre ganz friedlich Seite an Seite gearbeitet und sich am Ende doch zerstritten, wie Frauke unumwunden zugab.

„Trotzdem ist Lars jetzt Ihr Kunde“, sagte Helga, nur um irgendetwas zu sagen.

„Dein Kunde“, verbesserte Frauke lachend, die bereits vor einer Stunde vorgeschlagen hatte, zum Du überzugehen. Dann fuhr sie fort: „Unser Kunde ist er natürlich auch, aber vor allem sind wir Freunde, richtig gute Freunde.“

„Ob Jens das auch so sieht?“, überlegte Helga, während sie das köstliche Sabayon auf der Zunge zergehen ließ, das von Apfelscheiben und einem kunstvollen Gebilde aus karamellisiertem Zucker und schwarzen Nüssen begleitet wurde.

Das Dinner war wirklich ganz hervorragend, und trotz der vielen Gänge fühlte sie sich nicht unangenehm voll.

Als Lars endlich, jetzt im dunklen Anzug, an ihren Tisch kam, war es fast Mitternacht und die Kellner waren bereits eifrig damit beschäftigt, Gläser und Schaumweine unterschiedlicher Preisklassen an die Tische zu bringen. Sie zweifelte nicht daran, dass Lars Champagner kredenzen würde.

„ … 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – Prost Neujahr!“

Jeder prostete jedem zu, Helga schüttelte Hände und küsste Menschen, die sie kaum kannte – genau das, was sie noch nie hatte leiden können. Sie hätte jetzt viel lieber mit Benny telefoniert und ihm ein gutes neues Jahr gewünscht. Aber das hatte er sich verbeten. Zu Mitternacht müssten sie die Raketen abschießen, da hätte er keine Zeit – und überhaupt. Als sie noch als Familie Urlaub gemacht hatten, hatte sie diese Dinger immer strikt abgelehnt. Jetzt musste sie sich damit begnügen darauf zu hoffen, dass nichts passierte. Es war zum Heulen – ihr war zum Heulen.

Plötzlich war Lars an ihrer Seite, nahm ihr lächelnd das Glas aus der Hand und führte sie auf die Tanzfläche.

„Nicht traurig sein, Chouchou. Das alte Jahr liegt hinter dir und das neue wird wunderschön werden“, flüsterte er ihr ins Ohr, während sie sich im Walzertakt drehten.

Endlich wieder einmal tanzen. Schön war das!

Es war schon fast Mittag, als sie am Neujahrstag endlich beim Katerfrühstück in ihrem Hotel saßen.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass deine Exfrau da sein wird?“, fragte Helga.

„Frauke? Magst du sie nicht?“

„Doch, schon, ich finde, sie ist eine ganz patente Person, und durchaus unterhaltsam …“

„Da bin ich jetzt aber erleichtert, weil ich nämlich zugesagt habe, dass wir sie am Sonntag im Alten Land besuchen. Frauke ist keine schlechte Köchin, und sie macht die beste Apfeltarte, die du je gegessen hast.“

„Trotzdem hättest du es mir vorher sagen können“, beharrte Helga.

„Dass wir ins Alte Land fahren?“

„Dass üblicherweise deine Exfrauen zu Silvester bei dir aufmarschieren.“

„Wärst du dann hier?“, fragte Lars schelmisch, und als sie nicht gleich antwortete, lachte er: „Siehste! Ich wollte doch unbedingt, dass du kommst!“

Das klang zugegebenermaßen ganz nett, aber für Helga war das Thema noch nicht durch.

„Wenn ich es richtig verstanden habe, hätte es durchaus passieren können, dass Frau König eins und drei auch gekommen wären“, sagte sie, und es klang selbst in ihren Ohren ziemlich spitz. Dass sie ihre Stimme aber auch nie in der Gewalt hatte.

Lars schien das entweder nicht zu bemerken oder er hörte bewusst darüber hinweg, denn er antwortete gut gelaunt: „Sehr unwahrscheinlich. Annabell verreist fast immer über Weihnachten und Neujahr, weil sie da am wenigsten vom Immobiliengeschäft versäumt. Sie ist nämlich Maklerin mit Leib und Seele. Silke macht an Silvester in letzter Zeit immer Nachtdienst in der Klinik, weil ihr Chef und Freund, der ehrenwerte Herr Professor, dann mit seiner Familie feiert.“

„Lass mich raten. Sie ist Krankenschwester und hat ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Chef?“

Er schüttelte den Kopf, während er nach einem weiteren Hering griff. „Nicht ganz. Sie ist Ärztin, aber das mit dem verheirateten Chef stimmt. Sie glaubt allerdings, dass er sich scheiden lässt.“

„Du nicht?“

„Nicht wirklich. Silke glaubt das nämlich schon seit mehr als zwei Jahren. Aber der Herr Professor findet immer eine neue Ausrede, warum es gerade jetzt nicht geht. Aktuell muss er warten, bis seine Jüngste Abitur gemacht hat.“

„Ich finde es unverantwortlich, in eine funktionierende Ehe einzubrechen“, entgegnete Helga aufgebracht.

Lars sah sie erstaunt an, dann legte er seine Hand auf die ihre. „Das klingt, als hätte ich eine empfindliche Stelle berührt. Das wollte ich nicht.“

Die Berührung tat ihr gut. Sie wiegte den Kopf. „Ja und nein. Paul hat zwar stets behauptet, es wäre keine andere Frau im Spiel, aber das kann er der Schmauswaberl erzählen!“

„Wem soll er es erzählen?“

„Der Schmauswaberl, das sagt man so bei uns, wenn …“

„Wenn man’s nicht glaubt, hab‘ schon verstanden. Den Ausdruck muss ich mir merken“, kicherte Lars und nahm noch einen Schluck Bier. „Um auf Silke zurückzukommen: Woher willst du denn wissen, dass die Ehe ihres Professors noch funktioniert?“

Sie sah ihn nachdenklich an. „Du hast recht, das weiß man eigentlich nie. Woran sind deine Ehen gescheitert?“

Er sah sie überrascht an.

„Gescheitert? Die sind doch nicht gescheitert! Wir haben einfach nur verstanden, dass unser gemeinsamer Weg an einer bestimmten Stelle zu Ende war.“

Helga löffelte gedankenverloren eine Kiwi und murmelte: „Interessanter Ansatz.“

Als sie später Hand in Hand der Alster entlang schlenderten dachte sie, dass es erstaunlich guttat, mit jemand zu reden, der eine so gänzlich andere Sicht auf die Dinge hatte. Als hätte Lars ihre Gedanken erraten, fragte er: „Ich weiß bisher nur, dass du seit Kurzem geschieden bist. Willst du mir erzählen, wie es dazu kam?“

Sie zuckte die Achseln. „Ganz genau weiß ich das immer noch nicht. Im Gegensatz zu dir betrachte ich das Ende meiner Ehe allerdings als Scheitern.“

„Und woran seid ihr gescheitert?“

Es dauerte einige Zeit, ehe sie antwortete: „Am Alltag, an unterschiedlichen Meinungen, ich weiß es nicht. Als Paul das erste Mal von Scheidung gesprochen hat, war ich fassungslos, ich konnte es überhaupt nicht verstehen. In der Zwischenzeit glaube ich, wir sind uns gegenseitig im Weg gestanden, und haben es gar nicht bemerkt.“

„Wie genau soll ich mir das vorstellen?“

„Ich war immer eine leidenschaftliche Tänzerin. Paul hingegen konnte dem ‚Gehopse‘, wie er es nannte, nichts abgewinnen. Dafür war er ein begeisterter Motorradfahrer, das war mir wiederum reichlich suspekt. Wenn er sonntags mit seinem Motorrad ausfuhr, fuhr ich mit dem Auto hinterher. Als dann Benny auf die Welt kam, hat Paul das Motorradfahren mir zuliebe sein lassen, und ich war kaum noch tanzen, es war mir einfach nicht mehr wichtig.“

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, ehe Lars sagte: „Dann habt ihr wohl den Zeitpunkt verpasst, an dem es wieder wichtig geworden wäre. Ich glaube, so geht es vielen Paaren. Oft sind es sogar die Männer, die zuerst spüren, dass etwas nicht mehr passt, aber ebenso oft reden sie nicht darüber.“

„Da ist was dran“, dachte Helga erstaunt.

Wie alt Lars’ Mutter wohl sein mochte, überlegte Helga, als sie am Sonntag gemeinsam um den Mittagstisch der Jansens saßen. Sie hätte nicht sagen können, wie sie sich Lars‘ Mutter vorgestellt hatte, jedenfalls nicht so!

Am Silvesterabend hatte Helga sie kaum zu Gesicht bekommen, weil die alte Dame, wenn nicht gerade gegessen wurde, ständig im Lokal unterwegs gewesen war. Aber was hieß schon alte Dame? Sie hatte zwar schlohweißes Haar und einige tiefe Falten verrieten, dass sie deutlich über siebzig sein musste, dennoch hielt sie sich kerzengerade und war wie ein Derwisch durch das Restaurant gefegt.

Auch heute aß Sie mit gutem Appetit alles, was Frauke so auftischte – und das war nicht gerade wenig. Erst eine Zwiebelsuppe mit Käsecroutons, danach Scholle Finkenwerder Art mit Speck und deftigen Bratkartoffeln und dann noch die von Lars angekündigte Apfeltarte mit ordentlich viel Schlagobers. Die gertenschlanke Elsa König ließ nichts davon aus. Helga war selbst eine eher zierliche Person, aber sie konnte nicht annähernd so viel essen.

„Schmeckt es dir nicht?“, fragte Frauke eben besorgt, weil Helga ein weiteres Stück Apfeltarte entschieden abgelehnt hatte.

„Doch, doch, ganz hervorragend, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich glaube, ich habe in den letzten Tagen mehr gegessen als sonst in einem Monat und fürchte, dass ich bereits grässlich zugenommen habe.“

Elsa König betrachtete sie durch ihre mit Steinchen besetzte schwarze Brille. „Sie müssen sich eben mehr bewegen, Kindchen.“

Helga schmunzelte. Sie hätte nicht gedacht, dass sie noch einmal jemand Kindchen nennen würde, doch bei Elsa König klang es irgendwie ganz normal. Der Hinweis auf die fehlende Bewegung erinnerte sie allerdings allzu sehr an ihre eigene Mutter, deshalb war sie froh, dass Elsa nun ihre Aufmerksamkeit Dora zuwandte, der Tochter der Jansens, die bereits unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. „Wolltest du mir nicht deine Weihnachtsgeschenke zeigen?“

„Sobald Mama mich hier weglässt“, antwortete Dora mit leicht genervten Unterton.

„Wenn Oma Elsa mag und du mit dem Essen fertig bist, kannst du aufstehen und ihr alles zeigen. Aber anschließend machst du deine Leseübung, verstanden?“

„Ach Mama, doch nicht heute, es ist doch Sonntag“, maulte Dora.

„Doch, heute. Gestern und vorgestern hast du es ja vorgezogen mich anzulügen“, entgegnete Frauke und warf ihrer Tochter einen warnenden Blick zu.

Jens legte seine Hand auf Doras Arm. „Also, ich an deiner Stelle würde Mama heute nicht mehr reizen.“

Dora schien darüber nachzudenken. „Okay“, seufzte sie dann. „Also erst zeige ich Oma Elsa die Geschenke und dann …“

„Dann?“, fragte Frauke scharf.

Dora verzog sich sicherheitshalber erst Richtung Tür, ehe sie rief: „Is‘ ja gut, nur keine Panik auf der Titanic! Kommst du jetzt, Oma Elsa?“

„Frecher Fratz“, murmelte Frauke, als die beiden die gemütliche Wohnküche verlassen hatten. „Schwindelt mir seit zwei Tagen vor, dass sie geübt hat. Ich hätte ihr schon heute Vormittag eine scheuern sollen.“

„So sind sie halt, die Kids“, meinte Helga. „Mein Sohn versucht auch immer mich auszutricksen, aber was soll man machen? Da ich Gewalt in der Erziehung prinzipiell ablehne …“

„Ich auch“, knurrte Frauke. „Prinzipiell. Aber wenn sie mich anlügt, sehe ich rot, und wenn Jens mich nicht zurückgehalten hätte …“

„Zugegeben, manchmal ist es nicht ganz einfach, aber man muss doch auch immer bedenken, was man durch so eine unbedachte Handlung auslösen kann“, meinte Helga.

„Also meine Mutter hatte da weniger Bedenken“, meldete sich Lars zu Wort. „Ist doch trotzdem ein vernünftiger Mensch aus mir geworden!“

„Vernünftig wär‘ mir jetzt nicht eingefallen“, neckte Frauke und setzte lachend hinzu: „Aber deinem Selbstvertrauen hat es offenbar nicht geschadet.“

„Darauf trinken wir jetzt einen Schnaps“, entschied Jens.

Während er die Schnapsgläser füllte, fragte Frauke: „Wer war eigentlich die blonde Schönheit, mit der du dich am Silvesterabend präsentiert hast?“

„Beatrix, meine neue Sous-Chefin; Oskar geht doch in Pension. Habe ich dir das nicht erzählt?“

„Hat sie ein Auge auf dich geworfen?“, fragte Frauke ungerührt und – für Helgas Geschmack – etwas unsensibel.

„Wie kommst du denn darauf?“, protestierte Lars.

„So, wie die dich angeschmachtet hat …“

„Glaub mir, das wär mir aufgefallen!“

Jens warf Frauke einen raschen Blick zu. „Ich weiß ja nicht, ob sie so gut kocht wie Oskar, aber optisch ist sie schon mal ein Gewinn!“, und prostete ihnen zu.

Lars nahm einen kleinen Schluck. „Oskar zu ersetzen wird nicht einfach. Er hält sie übrigens für eine Zicke. Ich fürchte, ganz unrecht hat er nicht.“

Es dauerte eine gute Stunde, ehe Elsa König wiederkam und um eine Tasse Tee bat.

„Das war ja eine lange Besichtigungstour“, meinte Frauke, während sie das Teewasser aufstellte.

„Wir haben anschließend noch geübt.“

„Wie man mit dem neuen Computerspiel Ufos abschießt?“

„Lesen“, entgegnete Elsa hoheitsvoll.

So unterhaltsam die Tage in Hamburg auch gewesen waren, so schweigend verlief die Fahrt zum Flughafen am Tag ihrer Abreise. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Helga hatte die Zeit wirklich genossen. Lars war ein ebenso unterhaltsamer wie rücksichtsvoller Gastgeber, doch nun freute sie sich auf zu Hause. Morgen würde Benny aus dem Schiurlaub kommen. Endlich. Nicht nur, dass sie ihn vermisste, sie hatte doch immer Angst, dass ihm etwas zustoßen könnte. Natürlich hatte sie täglich mit ihm telefoniert und bis jetzt schien alles gutgegangen zu sein, hoffentlich passierte nicht in den letzten Stunden noch ein Unglück. Man konnte ja nie wissen.

Als hätte Lars ihre Gedanken erraten, sagte er: „Wenn du das nächste Mal kommst, musst du deinen Sohn mitbringen.“

Sie hatten am Vorabend noch lang darüber geredet, wie es nun weitergehen sollte. Da Helga seinem Wunsch nach einer gemeinsamen Nacht nicht nachgekommen war, war sie eigentlich davon ausgegangen, dass die Sache für ihn damit erledigt war. Sie hatte versucht sich einzureden, dass es ihr egal sei, aber als er ihr jetzt vorschlug, gemeinsam mit Benny wiederzukommen, tat ihr Herz einen unvermuteten Sprung. Konnte es sein, dass sein Interesse ernsthafter war, als sie bisher vermutet hatte?

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