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„Die Schuld der Engel“ Prolog und Kapitel 1

Prolog: Im Dunkel

Sommer 2005, Hochsilos nahe Hoetmar, Münsterland

Eigentlich dürfen sie hier gar nicht spielen, aber der Ort übt auf Stephan eine Faszination aus, die weit über den Reiz des Verbotenen hinausgeht. Die verfallenen Silos ragen wie die Türme einer finsteren Burg in den Himmel und sie stehen so dicht beieinander, dass kaum ein Sonnenstrahl den Betonboden erreicht. Alles hier ist alt, verrostet und fällt auseinander. Es ist gefährlich, und das ist auch, was die Eltern sagen. Aber sie verstehen nicht, dass die alten Silos in Wahrheit ein verwunschener Ort sind, ein finsterer Drachenhort, und dass irgendwo, tief in den unterirdischen Eingeweiden aus Stahl und Beton ein sagenhafter Schatz auf die mutigen Helden wartet. Aber Stephan weiß das, und heute Nachmittag wird er es Freddy zeigen. Der ist zwar dick und nicht zu viel zu gebrauchen, aber er hat Comics und einen Gameboy. Und genau wie Stephan hat Freddy nicht besonders viele Freunde an der Schule.

Aber Freddy ist eine Enttäuschung, das wird Stephan schnell klar. Er will gar nicht wirklich mit hinab in die Verliese unter der Burg, er will nur herumsitzen und die ganze Zeit auf seinen dämlichen Gameboy glotzen.

»Komm schon«, sagt Stephan, »oder hast du etwa Angst? Bist du ein Mädchen, Freddy?«

»Ja, ja«, sagt Freddy und drückt weiter wie wild auf seinem Gameboy herum. Den Schatz des Drachen scheint er völlig vergessen zu haben.

Also geht Stephan allein auf Erkundungstour.

Freddy ist ganz versunken in sein Spiel, denn es sieht aus, als würde es ihm heute tatsächlich gelingen, Super Mario durch das letzte Level zu bekommen. Und in diesem Fall darf er die Prinzessin aus dem Verlies befreien und dann …

»Hey«, ruft Stephan, irgendwo in weiter Ferne. »Hey, Freddy! Komm mal her, das musst du dir anschauen!«

»Gleich!«, sagt Freddy und spielt weiter.

»Nein, Mann! Sofort! Das hier ist klasse, so was hast du noch nicht gesehen, Ehrenwort.«

»Mist!«, flucht Freddy. Super Mario ist soeben durch die Hand des Endgegners gestorben, heute wird es wohl nichts mehr mit der Prinzessin. Frustriert schaltet Freddy den Gameboy aus.

»Komm schon«, ruft Stephan erneut und Freddy sieht endlich auf. Stephan steckt bis zur Brust in einem Loch im Boden. Er hat es offenbar geschafft, eine der schweren Metallplatten beiseitezuschieben, die hier überall zwischen den Silos auf dem ganzen Gelände verteilt sind.

»Hey«, ruft Freddy, »da dürfen wir nicht rein.«

»Ich weiß«, grinst Stephan, »aber das ist ja der Witz an der Sache. Und jetzt komm mal her!«

»Also ich weiß nicht«, sagt Freddy, aber er steht auf und schlurft langsam hinüber, zu der Stelle, wo Stephans Kopf aus dem Loch rausguckt. Als er ankommt, sieht Freddy, dass Stephan auf dem oberen Teil einer Leiter steht, die unter seinen Füßen in der Dunkelheit verschwindet.

»Mann, das sieht tief aus …«, Freddy pfeift durch seine Zähne, »und es ist ganz schön dunkel da unten.« Eigentlich will er jetzt viel lieber Comics lesen.

»Ach, ist halb so wild«, strahlt Stephan. »Und wir haben ja die Lampe. Hier unten ist was ganz Tolles, bestimmt!«

»Ach ja, und was soll denn da unten sein?«

Und auch darauf weiß Stephan eine Antwort: »Mein Onkel hat mir erzählt, dass die Nazis hier unten was versteckt haben. Echtes Gold.«

»Die Nazis? Echt?«

»Na klar! Und weißt du, was er noch gesagt hat?«

»Nee.« Freddy ist dem Loch inzwischen noch ein bisschen näher gekommen und starrt in die Tiefe, interessiert jetzt, aber immer noch voller Skepsis.

»Er sagte, hier unten wären vielleicht auch Waffen versteckt. Nazigewehre. Mit denen sie die Juden umgelegt haben.«

»Nein!«

»Doch, ganz bestimmt. Aber wegen der Einsturzgefahr haben sie die nie gefunden.«

»Und wenn nun Leichen da unten sind? Von den Juden oder so?« Freddy geht einen Schritt zurück.

»Ach Quatsch!«, beschwichtigt Stephan. »Die haben sie doch ganz woanders umgebracht. Aber hier haben sie sich verschanzt und das Zeug versteckt, als die Amis kamen.«

»Weißt du«, sagt Freddy, »ich glaube, ich will doch lieber nach Hause. Ich hab’ noch ein paar Spiderman-Hefte, wir könnten …«

»Ach, jetzt sei doch keine solche Memme, Mann!«

»Ich bin keine Memme!«

»Na gut, bist du nicht. Ich mach dir einen Vorschlag. Wir gehen kurz runter, schauen uns ein bisschen um, und dann fahren wir gleich zu dir und lesen Spiderman.«

»Also ich weiß nicht …«

»Ach, komm, das dauert keine zehn Minuten. Dann bist du auch keine Memme! Keiner wird dich dann noch einen Feigling nennen können, wenn du hier unten warst.«

»Meinst du echt?«, fragt Freddy, aber da ist Stephan schon hinuntergeklettert. Von unten ruft er: »Es ist gar nicht so tief!«

Und weil Freddy nicht allein herumstehen möchte und weil er auch keine Memme sein will, setzt er nun ebenfalls einen Fuß auf die oberste Sprosse der Leiter. Dann folgt er Stephan in die Dunkelheit.

Stephan hat eine kleine Taschenlampe dabei, die er nun anknipst und sich zwischen die Zähne klemmt wie ein richtiger Höhlenforscher, oder zumindest hat Freddy es mal so in einem Film gesehen. Nach einer endlosen Kletterei nach unten haben sie endlich wieder Boden unter den Füßen, aber Stephan geht gleich weiter, in den Gang hinein, der hier beginnt. Mächtige, rostzerfressene Stahlrohre sind überall an den Wänden und an der Decke. Freddy folgt dem Lichtkegel von Stephans Taschenlampe, obwohl er von der Kletterei bereits gehörig außer Atem ist. Als er Stephan endlich erreicht, zieht er, ohne es bewusst zu bemerken, einen Schokoriegel aus der Tasche, denn er hat immer welche dabei. Falls einmal Not am Mann ist, wie Mama sagt. Und jetzt, findet Freddy, ist schon ein wenig Not am Mann. Er steckt den Riegel in den Mund und lässt das bunte Papier der Verpackung zu Boden fallen. Es landet irgendwo in der Dunkelheit zu seinen Füßen, aber er achtet nicht weiter darauf. Freddy achtet nur darauf, in der Nähe des Lichtkegels zu bleiben.

Da dreht Stephan sich plötzlich um, die Taschenlampe beleuchtet sein Gesicht von unten und das sieht so schrecklich aus, dass Freddy einen spitzen Schrei ausstößt und sich vielleicht auch ein bisschen in die Hosen macht.

»Du Blödmann!«, schimpft er, aber Stephan dreht sich um und läuft kichernd weiter.

»Wir sind jetzt Höhlenforscher«, legt er fest.

»Aber ich will kein Höhlenforscher sein«, jammert Freddy, »man kann überhaupt nichts erkennen. Es ist so scheißdunkel hier.« Manchmal, wenn Freddy ein bisschen Angst hat, hilft es ihm, zu singen oder Kraftausdrücke zu verwenden, nur hilft das jetzt überhaupt nicht. Es ist so still hier und so weit weg von der Sonne oben. Aber Stephan scheint das alles nichts auszumachen. Er scheint sich richtig wohlzufühlen hier unten.

»Wenn du ein Feigling bist«, sagt Stephan, »wirst du auch nie den Schatz der Nazis finden.«

»Ich bin kein Feigling. Es ist nur so verdammt dunkel hier unten.«, sagt Freddy und stopft sich den letzten Bissen des Schokoriegels in den Mund.

»Dann geh du eben voran«, sagt Stephan. »Hier, ich leuchte dir!«, und dann schlüpft er in eine Nische, sodass Freddy sich vorbeidrücken und die Führung ihrer Expedition übernehmen kann. Was die Sache überhaupt nicht besser macht, findet Freddy. Plötzlich muss er wieder an die Leichen der Juden denken, die hier unten vielleicht doch noch liegen, oder ihre Geister, die lange, dürre Spinnenfinger nach seinem Gesicht ausstrecken und …

Plötzlich rutscht Freddy weg, stolpert nach vorn, sein Fuß tritt ins Leere und er fällt. Er hat das Loch nicht gesehen, und er begreift kaum, was geschieht, als er schreiend in die Tiefe saust. Er reißt die Arme vors Gesicht und knallt gegen eine Betonwand. Sie hinterlässt tiefe Schürfwunden auf der Haut seiner Unterarme. Seine Stirn prallt gegen etwas Hartes. Kleine Lichtpunkte explodieren vor seinen Augen. Er strampelt und versucht, irgendwo Halt zu finden. Aber er rutscht weiter, bis er plötzlich …

steckenbleibt.

Die Arme sind fest an seine Seiten gepresst, seine Beine baumeln unter ihm in der Luft. Ein Schacht, denkt er panisch. Ein Schacht, und ich stecke fest, und wenn ich durchrutsche, werde ich in die Tiefe fallen und mir alle Knochen brechen und Mutter wird schimpfen und ich hätte nach Hause fahren sollen. Und was für ein gemeiner Kerl dieser Stephan doch eigentlich ist.

Aber alles, was Freddy jetzt tun kann, ist leise zu wimmern: »Stephan, hilf mir!«

Und dann kommen die Tränen. Freddy kann sie nicht mehr aufhalten. Noch nie war es ihm so egal, ob ihn die ganze Schule für eine Memme hält oder für Specki Mampftonne oder ob sie ihn die wandelnde Walze nennen oder sonst was. Er will jetzt nur zu Hause sein und Spiderman lesen und später vielleicht einen Kakao trinken und noch einmal versuchen, als Super Mario die Prinzessin zu retten. Wieso antwortet ihm Stephan nicht?

»Stephan«, ruft der Junge noch einmal durch sein Schluchzen, »Stephan, hilf mir.«

Der andere leuchtet ihm mit seiner Lampe ins Gesicht, ohne ein Wort zu sagen. Als er endlich spricht, klingt es beinahe anerkennend.

»Du steckst ja ganz schön fest, Speckifreddy.«

»Ich … nenn mich nicht so! Hilf mir, Stephan!«, und dann, ganz leise: »Bitte!«

»Hmm«, sagt der andere.

»Stephan?«

»Kannst du deine Arme bewegen?«

»Nein, die stecken fest. Hier unten geht es ganz tief runter, bestimmt. Wenn ich durchfalle …«

»Ach, du wirst schon nicht durchfallen. Bist du irgendwie verletzt?«

»Meine … meine Beine tun weh, und ich hab’ mir die Arme angestoßen. Aber sonst geht es, glaube ich.«

»Hmmmmm«, sagt Stephan gedehnt und leuchtet unentwegt in Freddys Gesicht, sodass der Junge die Augen zusammenkneifen muss. Dann wird es sehr still am oberen Ende des Rohres.

Dann fällt der erste Stein. Es ist nur ein kleiner Kiesel und er prallt zweimal von dem Rohr ab, bevor er die Wange des feststeckenden Jungen trifft.
»Au!«, sagt Freddy und glaubt, dass es vielleicht nur ein kleines Stück vom Rand des Rohres ist, das sich bei seinem Sturz in die Tiefe gelöst hat.

»Ich glaube«, sagt er, und in dem Rohr klingt seine Stimme seltsam verzerrt, wie die eines Roboters. »Ich glaube, du musst die Polizei rufen. Oder vielleicht die Feuerwehr.«

Stephan sagt immer noch nichts, aber dann kommen zwei weitere Steine, größere diesmal, und Freddy kann nicht erkennen, woher sie kommen, weil ihn Stephans Lampe blendet. Aber er glaubt nicht mehr, dass sie von dem Rohr über seinem Kopf stammen, denn diese Steine prallen nicht ab. Sie fliegen ihm direkt ins Gesicht. Und diesmal tut es richtig weh.

»Au!«, ruft er, und: »Hör auf damit, au! Bitte, Stephan. Du musst …«

Und dann ist das Licht plötzlich weg.

Er kann sehen, dass sich Stephan an etwas zu schaffen macht, das an der Decke über dem Loch hängt, ein großes Ventil oder so etwas, und Stephan hat sich jetzt die Lampe wieder zwischen die Zähne geklemmt, während er verbissen an dem schweren Metallteil rüttelt. Er keucht und flucht leise, während er versucht, das Ding von dem Rohr abzubekommen, an dem es feststeckt.

»Bitte hilf mir, Stephan, bitte!«, versucht es Freddy noch einmal, und für einen Moment hält Stephan inne. Das Ventilstück hängt jetzt nur noch an einem Ende an dem rostzerfressenen Rohr, und es schwebt genau über Freddys Kopf. Stephan nimmt die Lampe aus dem Mund, hockt sich an den Rand des Lochs und leuchtet wieder nach unten.

»Krieg ich deinen Gameboy, wenn ich dir helfe?«

»Ja, klar. Ich geb dir meinen Gameboy und alle Spiele, die ich hab’! Und die Spiderman-Comics auch!«

»Alle?«

»Klar, alle! Du kannst sie alle haben. Aber hilf mir bitte!« Jetzt hat sich Freddy ganz bestimmt nass gemacht, er kann die Wärme spüren, die an seinem Hosenbein nach unten strömt.

Stephan sagt: »Ich glaube, ich will deinen Gameboy gar nicht.« Unbegreiflicherweise scheint er jetzt zu lächeln, aber das kann Freddy nicht genau erkennen. »Und deine Comics fand ich schon immer scheiße.«

Dann steht er wieder auf und macht weiter. Und allmählich begreift Freddy, was er vorhat. Er ruft und wimmert und bettelt, quiekt mit hoher Stimme, aber Stephan scheint ihn gar nicht mehr zu hören. Mit einem letzten Stoß löst sich das Ventil vom Rohr und Stephan springt zurück, während es mit ohrenbetäubendem Rumpeln in das Loch zu seinen Füßen fällt und Freddys Kreischen ein jähes Ende bereitet.

Dann ist es still in dem Loch.

Lächelnd dreht sich Stephan um und kriecht durch die Röhren zurück zum Ausgang, seine treue Taschenlampe zwischen den Zähnen, wie ein richtiger Höhlenforscher. Oben angelangt schiebt er die Metallplatte sorgfältig wieder zurück an die Stelle, an der sie vorher war. Er nimmt sein Rad und schiebt es vom Gelände, auf der Seite, wo die Felder sind, damit man ihn von der Straße aus nicht sehen kann. Er schiebt es durch das kleine Wäldchen, das sich an die Felder anschließt, und als er auf der anderen Seite hervorkommt, schaut er nach beiden Seiten den Feldweg entlang. Niemand ist hier, der ihn sehen könnte.

Stephan steigt auf sein Rad. Es ist ein neues, rotes und es hat sogar eine richtige Gangschaltung. Dann fährt er los.

Er lächelt, als er nach Hause radelt. Heute würde es Spaghetti geben, und er mag Spaghetti sehr. Das Gesicht des Jungen ist der untergehenden Sonne zugewandt und ihre letzten Strahlen liebkosen sein sonnengebräuntes Jungengesicht, während er radelt und lächelt und den Wind sein Haar zerzausen lässt. Er ist daheim, noch bevor die Sonne ganz hinter den Feldern verschwunden ist.

* * *

Ein Mann geht durch die Wand

+++

Mein Plan ist perfekt.

Ich weiß, dass er kommen wird.

Meine Ungeduld der letzten Tage hat sich in diesen Stunden gelegt, da ich das Zimmer vorbereite auf das, was gleich passieren wird. Manch einer mag die Skimaske, die ich trage, als lächerlich empfinden, nicht ausdrucksstark oder vielleicht nicht bedrohlich genug. Aber es geht nicht darum, mein Opfer zu erschrecken, auch wenn die Angst später zweifellos kommen wird. Später, wenn er es begreift. Wenn ihm klar wird, welcher Gedanke sich hinter der Maske verbirgt.

Anonymität, darum geht es natürlich! Unerkannt in einer Welt der gläsernen Menschen. Gesichtslos in einem Meer von bedeutungslosen Selbstdarstellern.

Ich bin ein Phantom, ein sphärisches Wesen — ein Engel. Ein Engel, und der gerechteste unter denen, die auf Erden wandeln. Und wie der Erzengel Michael werde ich keine Gnade und kein Erbarmen kennen. Menschen können sich vielleicht für derlei Gefühle erwärmen — Engel kennen kein Verzeihen. Nicht für das, was dieser Kerl getan hat!

Auch ich hatte Zweifel, anfangs, sicher. Doch als ich das Gewehr fand, diese herrliche, uralte Waffe – seitdem bin ich sicher, dass alles genau so vorherbestimmt war, und ich die Hand sein muss, die auf die Häupter der Schuldigen niederfährt.

Nur ich habe das Recht dazu.

Nur ich allein.

Da, ein Knirschen auf dem Kiesweg draußen, das muss er sein; er kommt jetzt die Einfahrt hochgefahren. Mein Körper ist gespannt wie eine Feder, aber ich bin ganz kühl. Pure Konzentration.

Ich bin das flammende Schwert der Gerechtigkeit.

Ich bin der Engel.

* * *

Vor den ungläubigen Augen der Besucher neigte sich die Wand hinter Irene und Louisa Fassmann nach vorn, und für einen Moment schienen die Holzelemente über ihren Köpfen in der Luft zu schweben, als wären sie schwerelos. Staub rieselte zwischen den entstandenen Rissen hervor und schließlich kippte die gut zwei Meter breite Wand komplett um, mit einem reißenden Geräusch, als zerfetzte jemand ein gigantisches Stück Papier. Sauer begann, sich durch die erstarrte Menge hindurch zum Podium zu kämpfen, doch er sah, dass er die beiden Frauen nicht mehr rechtzeitig erreichen würde.

Er brauchte kaum drei Sekunden, bis er am Ort des Geschehens ankam, doch die Zeit vor seinem inneren Auge schien zu einer unerträglichen Zeitlupenaufnahme eingefroren, als würde jede seiner Bewegungen durch zähflüssigen Gelee gebremst.

Sauers Blick fiel auf das immer noch erstarrt dastehende Wiesel, das sich in einer Geste beinahe komisch wirkender Verzweiflung eine Faust in den Mund gestopft hatte und auf die herabsausende Wandverkleidung starrte. Das entstandene Loch in der Wand hustete Staub und Putz in dem Raum.

Es ist keine Verkleidung, dachte Sauer, das ist die gesamte, dünne Wand, die hier runterkommt, und dahinter ist ein kleiner Raum, und aus diesem Raum …

Da schoss ein Schatten auf das Podium zu und ergriff Irenes Arm, nur Bruchteile eines Augenblicks, bevor auch Sauer die Künstlerin und ihre Tochter erreicht hatte. Ein junger Mann in einem eleganten Anzug packte Irene Fassmanns linken Ellenbogen und riss sie und Louisa mit sich aus der Gefahrenzone. Es war der junge Mann, registrierte Sauer, der vorhin neben Louisa gestanden und ihr etwas Aufmunterndes ins Ohr geflüstert hatte. Doch in dem Moment, da das beherzte Eingreifen des jungen Mannes Mutter und Tochter Fassmann rettete, war Sauers Aufmerksamkeit von anderen Dingen gefesselt. Die gesamte Wand krachte direkt vor seinen Füßen auf den Boden des Podiums, wo die Fassmanns gerade noch gestanden hatten, und wirbelte eine unerhörte Wolke staubigen, weißen Putzes auf.

Doch Sauer achtete nicht weiter darauf, denn durch den weißen Nebel stapfte etwas mit schweren Schritten auf ihn zu. Etwas Großes, das aus dem Loch in der Wand gekommen war. Instinktiv langte seine Hand unter sein Jackett, tastete einen Augenblick vergeblich nach der P10 in dem Holster an seinem Gürtel. Aber selbstverständlich war da nichts. Kein Holster, keine Pistole. Und jetzt war das Ding heran. Die Haare, Gesicht und Schultern waren komplett von Gipsstaub und Holzsplittern bedeckt. Der Anzug, den die Gestalt trug, hing in langen Fetzen von ihrem Körper und enthüllte einen beachtlichen Bauch sowie eine schlaffe, eingesunkene Brust. Und jetzt, da Sauer der taumelnden Gestalt aus dem Nebel gegenüberstand, bemerkte er auch die blutverkrusteten Wunden, die den gesamten Oberkörper bedeckten, und er begriff, wieso der Riese nur kleine, stolpernde Tippelschritte machte.

Er trug einen Stuhl mit sich herum, an den er festgebunden war.

Dieses einigermaßen absurde Bild hätte Sauer in einer anderen Situation vielleicht ein Lächeln entlockt. Doch nun sah Sauer die Schnüre um die Oberschenkel des Mannes, die ihn mit dem Stuhl verbanden. Seine Arme waren hinter seinem Rücken fixiert. Als er Sauer beinahe erreicht hatte, hob der Fremde den Kopf. Sauer bemerkte noch, dass irgendetwas mit seinen Ohren nicht stimmte. Breite rostrote Ströme angetrockneten Blutes zogen sich an seinen Wangen entlang, so als hätte ein ungeschicktes Kind versucht, ihm einen rotbraunen Vollbart anzumalen.

Das Ding warf Sauer einen fragenden Blick zu, dann kippte sein zerstörtes Antlitz einfach weg. Der Riese strauchelte, und dann fiel er um wie ein gefällter Baum. Einen Moment später schlug sein Gesicht hart auf dem Holz des Podiums auf. Der Mann ging so plötzlich auf die Bretter, dass Sauer nicht mehr dazu kam, ihn aufzufangen oder auch nur seinen Aufprall zu bremsen. Vermutlich hätte der Fallende ihn ohnehin nur mit sich zu Boden gerissen. Sauer ging in die Knie, um den Mann herumzudrehen, in eine Position, die ihm das Atmen ermöglichen würde. Doch er hatte den Blick des Mannes gesehen, bevor der wie ein ausgeknockter Boxer umgekippt war. Und während er mühsam an dem schweren Leib herumzerrte, wurde ihm klar, dass dieser Boxer seine letzte Runde ein für alle Mal geschlagen und verloren hatte. Er machte trotzdem weiter. Und nun war sich Sauer absolut sicher, dass es sich bei dieser Variation von »Ein Mann geht durch die Wand« nicht um einen makabren Partygag handelte oder um ein ganz besonders geschmackloses Exemplar moderner Kunst. Das hier war echt.

Und dann begann Louisa Fassmann zu kreischen.

Die Schuld der Engel

Der Leipziger Kommissar Karl Sauer hat Grund zur Freude: Wenige Tage vor seiner Pensionierung gelingt es ihm, seinen letzten Fall in Rekordzeit zu lösen. Doch im Urlaub kommen Sauer Zweifel, und er rollt den brutalen Mord an einem Leipziger Anwalt nochmals auf … „In vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Thriller – auf den Punkt gebracht: spannend, humorvoll, unterhaltsam. Ein Tipp für alle Thrillerfans!“ (Leser) – hier für Kindle kaufen!

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