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Herb geht in den Keller (aus HERB: Thriller)

Herb verdrückte ganze drei Burger.

Er fühlte sich prächtig. Wie vollgepumpt mit Energie. Wach. Ja, das war es, er war wach. Als wäre er aus einem einzigen langem Schlaf erwacht, in dem er sein bisheriges Leben verbracht hatte. Jetzt sah er die Dinge klarer.

Gott, er hätte einen vierten Burger verdrückt, wenn Marjorie nicht das Fleisch ausgegangen wäre.

Er rülpste lautstark und freute sich über diesen ausgezeichneten Beitrag. Ein echter Mordsspaß. Herb fuhr fort, Marjories Oberschenkel unter dem Tischtuch zu kneten. Während des gesamten Abendessens war sie auf ihrem Stuhl herumgerutscht, als müsse sie pissen. Musste sie aber nicht. Sie beide wussten, warum sie nicht so richtig sitzen konnte. War so etwas wie ein Geheimnis zwischen ihnen beiden. Herb musste grinsen.

Hatte er ihr die ganze Zeit also eine Freude gemacht mit dem Gürtel. Wer hätte das gedacht? Sie lächelte selig vor sich hin und irgendwie fühlte er sich ihr beinahe verbunden. Beinahe wie … wie er es noch nie vorher gewesen war, wenn man es genau bedachte.

»Das war ein prima Essen, Marjorie«, sagte er und stand auf. Marjorie glotzte ihn mit großen Augen an, so überrascht, als hätte er ihr gerade eine geknallt. Vielleicht überraschter.

»Da … danke, Herb«, stammelte Marjorie.

»Nur die Wahrheit, Marjie, nur die Wahrheit.« Marjie, wie lange war es her, dass er sie so genannt hatte? Er schlenderte unter dem ungläubigen Starren seiner Frau zum Kühlschrank und nahm sich noch ein Bier. Nach kurzem Überlegen nahm er ein zweites. Dann öffnete er das Eisfach und nahm sich eine große Packung Eiswürfel.

»Ich geh in den Keller«, sagte er.

Er schloss die Küchentür und zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Dann steckte er ihn in Schloss und drehte ihn herum. In dem Moment, da der Riegel zurückschnappte, drückte er die Klinke nach unten, um das eine Geräusch mit dem anderen zu überlagern. Er knipste das Licht an, schloss die Tür von innen wieder zu, verschloss sie und ließ den Schlüssel im Schloss stecken. Dann ging er die Holztreppe nach unten und durchquerte den Hobbyraum. Er zog den schweren Vorhang aus Wollstoff zur Seite und blickte in den Verschlag. Das Licht der nackten Glühbirne über der Treppe drang nicht ganz bis hier hin vor. Herb holte eine Gartenlampe aus dem Schrank. Die Imitation einer Petroleumfunzel, aber natürlich war kein Petroleum drin, sondern eine ganz normale elektrische Glühlampe, die von einer Batterie betrieben wurde. Sie sah aber trotzdem irgendwie nostalgisch aus. Herb gefiel sie jedenfalls. Er stellte sie auf den Tisch und knipste sie an.

Das gefesselte Mädchen auf dem Stuhl war wach und starrte ihn aus weit aufgerissenen, schwarzen Augen an, in denen frische Tränen schimmerten. Sie musste eine Weile geheult haben, ihre Schminke war verlaufen. Schwarze, eingetrocknete Rinnsale an ihren Wangen. Am Kopf hatte sie eine ziemlich üble Platzwunde, wo sie auf die Treppe geknallt war. Getrocknetes Blut verklebte ihre Haare auf der rechten Seite ihres Kopfes. Auch aus ihrer Nase war Blut gelaufen, über das breite Klebeband, das auf ihrem Mund klebte, über ihr Kinn und ihren Hals entlang. Aber es war alles trocken, hatte längst aufgehört zu bluten. Ihre rechte Schulter ragte unnatürlich hervor, als versuche sie angestrengt, einen Buckel zu machen.

Herb stellte das Bier und die Eiswürfel auf den Tisch, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Dann macht er sich ein Bier auf und sah sie an. Sie erwiderte seinen Blick. Heulte wieder. Zitterte. Zwinkerte die Tränen fort, aber es kamen ständig neue. Herb deutete auf das Bier auf dem Tisch und fragte:

»Willst du eins davon?«

Sie versuchte zu nicken, aber dann zuckte sie mit einem schmerzerfüllten Wimmern zusammen und ließ es wieder bleiben.

»Dann wirst du dich benehmen?«

Sie nickte wieder, diesmal nur knapp. Zuckte schmerzerfüllt zusammen. Mehr Tränen.

»Gut.«

Herb stand auf, ging rüber zum Tisch und schaltete den Computer an. Dann holte er einen der Plastikbeutel aus dem Schrank mit den Videos. Die Plastiksäcke dienten ihm dazu, den ›Sondermüll‹ zu entsorgen, der manchmal im Keller anfiel. Jede Menge Papiertaschentücher und leere Bierdosen, schließlich war Herb ein gesunder Mann im besten Alter.

Er entleerte den Inhalt der Eiswürfelformen in den Plastiksack und knotete ihn zu. Inzwischen war der PC hochgefahren. Herb klickte sich durch die Fenster, bis er das Programm gefunden hatte, das die Musik abspielte. Normalerweise hörte er kaum Musik, aber er besaß dennoch eine ansehnliche Sammlung von Liedern, die er illegal aus dem Netz gezogen hatte. Hauptsächlich die Hits aus den Fünfzigern, die irgendwelche Klangenthusiasten von den Singleschallplatten dieser Zeit in digitale Kopien umgewandelt hatten, angeblich in überragender Soundqualität. Herb war das mit dem Sound ziemlich egal, aber manchmal war ihm eben danach, ein bisschen zu swingen und zu boppen. Herb hatte sich ein Paar stattlicher Lautsprecher geholt, solche mit einer aktiven Verstärkereinheit. Die Dinger waren höllisch laut, aber Herb benutzte sie so gut wie nie. Nicht, seit er Kopfhörer entdeckt hatte. Ging nichts über Kopfhörer, wenn man bei einem Film das Gefühl haben wollte, live dabei zu sein. Heute aber die Boxen, für den besonderen Anlass. Er drehte die Dinger auf mittlere Lautstärke und klickte auf den Musikplayer. Wummernd dröhnte der Schlagzeugwirbel von Huey Smiths ›Don’t you just know it?‹ durch den Raum und Herb riss den Lautstärkeregler herunter. Kein Grund, sich das Trommelfell wegsprengen zu lassen vom alten Huey.

Als er die Lautstärke auf ein erträgliches Maß gesenkt hatte, wippte er ein bisschen mit und tänzelte im Takt der Musik zurück zum Stuhl, auf dem sein Gast saß. Der Player würde eine Endlosschleife von Musik abspielen, wochenlang, wenn es sein musste. Als die Stelle mit dem ›Ha, ha, ha, ha‹ kam, sang Herb mit, aus voller Brust.

Ha ha ha ha. Don’t you just know it.

Dann machte Herb sich ein Bier auf. Trank einen Schluck und stellte die Dose dann auf den Tisch.

»Ich werd dir jetzt einen Arm losbinden und das mit deiner Schulter in Ordnung bringen«, sagte er und tippte auf ihren Arm. Sie stöhnte auf, ein gedämpftes Murmeln hinter dem Klebeband. »Und du versuchst keine Tricks, verstehen wir uns?«

Sie nickte und zuckte wieder zusammen. Frische Tränen brachen sich einen Weg durch ihre langen Wimpern und zogen neue Spuren durch das verlaufene Make-up auf ihren Wangen. Er ging zum Schrank und holte eine Kneifzange, die Rolle mit dem breiten, silberfarbenen Klebeband und neue Kabelbinder. Dann hockte er sich hinter sie und knipste den Kabelbinder durch, der ihr rechtes Handgelenk mit dem Stuhlbein verband. Als ihr Arm freikam, stöhnte sie auf.

»Darfst dich nicht bewegen«, sagte Herb, »Tut sonst bloß noch mehr weh. Aber keine Angst, das haben wir gleich.«

Er trat hinter sie, griff ihr Handgelenk und führte es vorn an ihrem Körper vorbei nach oben. Der Ärmel ihres T-Shirts rutschte nach oben und offenbarte einen großen, violetten Fleck, der sich von ihrer Schulter bis zum Oberarm hinzog wie ein Tattoo. Ein Tattoo, wie es ihr nur ein völlig Verrückter gemacht haben konnte, der dazu noch blind gewesen war. Herb grinste. Er schwitzte auch ein bisschen. Dann bog er ihren Arm zur Seite, dann nach hinten. Er zog dran. Sie stieß einen Schrei aus, so laut es das Klebeband zuließ, und trampelte mit den nackten Füßen auf dem Teppich.

Herb ließ den Arm los, und sie wimmerte. Der Musikplayer wechselte zum Jailhouse Rock. Herb hatte den sogenannten King noch nie leiden können. Der hatte ein Gesicht wie ein verkappter Schwuler, fand Herb.

»So kommen wir nicht weiter, Süße«, sagte er. »Was hab ich dir gesagt über Tricks?«

Sie murmelte irgendwas.

»Dazu gehört auch, dass du dich still verhältst und hier keinen Stepptanz aufführst. Verstehst du, Süße? Kein Stepptanz.«

Sie schüttelte energisch den Kopf und Herb beobachtete, wie ein paar der schwarz gefärbten Tränen durch die Gegend flogen. Wie bei Rocky, als er zu Boden gegangen war. In Zeitlupe, und nach seinem Mädchen gerufen hatte. Adriaaaaaan. Herb stieß ein verächtliches Lachen aus. Scheißfilm.

»Nochmal«, sagte er. »Verstehen wir uns jetzt?«

Sie blieb still. Herb interpretierte ihr Schweigen als Zustimmung. Wieder musste er grinsen. Angeklagter, trifft es zu, dass Sie diese Frauen alle vergewaltigt haben? Aber nein, euer Ehren, ich wertete lediglich ihr Schweigen als Zustimmung. Und dann war’s ein solcher Mordsspaß, ich konnte einfach nicht aufhören. Woher sollte ich denn wissen, dass alle Nonnen in dem Kloster ein Schweigegelübde abgelegt hatten? Ha ha ha ha. Don’t you just know it.

Er bog ihren Arm nach hinten und diesmal beherrschte sie sich. Anfangs brüllte sie in ihr Klebeband, aber das war okay, denn es war leise genug. Herb hatte ihr einen Lappen in den Mund gestopft, bevor er das Klebeband draufgeklebt hatte. Da konnte sie schreien, so viel sie wollte. Den King würde sie bestimmt nicht übertönen. Niemand übertönte den King. Herb zog nochmal an dem Arm, aber er schnappte immer noch nicht ein. Aber sie hörte auf zu brüllen oder sich dagegen zu stemmen. Sie ließ ganz locker und dann ging es. Herb zog und drehte an dem Arm, den er am Gelenk und am Oberarm kurz unter der Schulter gepackt hielt. Ihre Haut war von einem öligen Schweißfilm bedeckt und rutschig wie die Hölle. Herb zog noch einmal, dann gab ihr Arm plötzlich nach, nur ein kleines Stück. Herb ließ los und der Knochen schnappte mit einem hörbaren Knall zurück in die Gelenkpfanne. Ihr Kopf sackte nach vorn, und als Herb um sie herumging, bemerkte er, dass sie ohnmächtig geworden war. Mist.

Er legte den Beutel mit dem Eis auf den Boden und schlug ein paar Mal mit der Kneifzange drauf, um die Eiswürfel zu zerkleinern. Dann packte er das Ding auf ihre Schulter und wickelte etwas Klebeband drum. Anschließend befestigte er ihr Handgelenk wieder mit dem Kabelbinder am Stuhl.

Er betrachtete sein Werk und trank einen Schluck Bier. Dann verpasste er ihr ein paar leichte Ohrfeigen. Nach der vierten oder so schlug sie die Augen auf und schenkte ihm einen Blick wie ein Boxer aus der Amateurliga, der gerade eine Begegnung mit einem angepissten Mike Tyson hinter sich hatte. Einen Blick, der aus großer Ferne zu kommen schien. Herb schlug nochmal zu, etwas kräftiger diesmal und ihre Pupillen rollten zurück in die Mitte der Augen, sackten weg, kamen wieder.

Noch eine Ohrfeige, dann war sie wieder da. Na also.

»Hast du Durst, meine Schöne?«, fragte Herb und hielt ihr die Dose mit dem Bier vors Gesicht. Sie starrte ihn an und die Brühe schoss ihr wieder in die Augen.

»Du haben Dulst?«, versuchte Herb, »Tlinki, Tlinki?«

Sie nickte schwach.

»Okay. Dann wird es jetzt spannend. Die Frage ist die: Wirst du schlau sein und dich beherrschen? Oder wirst du es auf die blöde Tour versuchen und herumbrüllen, wenn ich dir dieses Klebeband da abnehme? Wirst du versuchen, den verdammten King zu übertönen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Na gut, versuchen wir’s«, sagte Herb. Aber inzwischen war es gar nicht mehr der King. Jerry Lee Lewis hatte ihn abgelöst und sang von großen Bällen aus Feuer. Meinte wahrscheinlich seine eigenen damit. Herb hatte mal gehört, dass der Kerl seine eigene Cousine geheiratet hatte, die damals zwölf Jahre alt gewesen war. Was war bloß los mit diesen Musikern? Perverse und Drogenabhängige, allesamt.

Er riss das Klebeband von ihrem Mund. Sie stieß Luft durch ihre Nase. Eine große Blase aus blutigem Rotz bildete sich vor ihrem rechten Nasenloch. Herb sah fasziniert zu, wie sie immer größer wurde und schließlich zerplatzte.

Da ist ihr Schrei drin gewesen, dachte Herb. In dieser Blase. Wenn sie an die Wasseroberfläche steigt und zerplatzt, kommt ein kleines Ferkelquieken raus.

Sie öffnete den Mund und Herb schnappte sich einen Zipfel des Tuchs zwischen ihren Zähnen und zog es raus. Die Kneifzange hielt er schlagbereit erhoben in der anderen Hand. Nur für den Fall, dass sie auf die Idee kam, ihn zu beißen. In diesem Fall würde er ihr die kleinen Beißerchen einfach ausschlagen, Problem gelöst, ein für alle Mal.

Sie probierte es nicht.

Als das Tuch ganz raus war, schnappte sie nach Luft und tat einen tiefen Zug. Dann begann sie, leise zu schluchzen. Weit davon entfernt, irgendwen zu übertönen. Herb setzte die Dose an ihre Lippen und kippte sie an. Sie schluckte, so schnell es ging. In ein paar Sekunden hatte sie die Dose leer.

»Hattest Durst, was?«, grinste Herb sie an. Sie unterdrückte einen kleinen Rülpser und schlug die Augen nieder und schluchzte ein bisschen lauter.

»Prost!«, sagte Herb, dann packte er in ihr Haar und riss ihren Kopf in den Nacken. Stopfte den Lappen zurück in ihren Mund. Sie machte ein paar Würgegeräusche, aber das war auch schon alles. Dann kam das Klebeband. Herb riss zwei neue Streifen von der Rolle und klebte sie auf ihren Mund. Nach kurzem Überlegen riss er ein weiteres Stück an, hob die Haare in ihrem Nacken an und schlang es ein paar Mal um ihren Kopf.

»Morgen unterhalten wir uns weiter, meine Süße«, sagte Herb.

Screaming Jay Hawkins hatte gerade das Wort ergriffen und behauptete: »I’ve got a spell on you.« Da war mal ein Kerl, der wusste, wie die Dinge lagen, dachte Herb, während er Screaming Jay den Saft abdrehte. Er wartet, bis der Rechner heruntergefahren war. Hab dich verzaubert mit meinem Spruch, meine Süße. Hab dich in mein Zauberreich gelockt. Und da kommst du erst raus, wenn du mir die Wahrheit sagst, die ganze Wahrheit und nichts sonst.

Er knipste die unechte Petroleumfunzel aus und ging nach oben.

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