Kapitel 2 – Tervenarius

»Oh Gott, Terv. Wo warst du?« David sprang auf, als er ins Wohnzimmer trat. Es war früher Abend und David hatte ein Feuer im Kamin entzündet, das den Raum in ein orangefarbenes, flackerndes Licht tauchte. Das bleiche Gesicht seines Geliebten, der ganz in Schwarz gekleidet vor dem Sofa stand, wirkte maskenhaft und beunruhigt. David wollte auf ihn zugehen, blieb aber wie angewurzelt stehen, als wage er nicht, sich Terv zu nähern. Ja, da war definitiv etwas zwischen ihnen. Er musste es aus der Welt schaffen.
»Wie lange war ich denn weg?« Tervenarius war mit ein paar Schritten bei ihm und packte seine Hände. Sie fühlten sich eiskalt an, und instinktiv umschloss er sie, um sie zu wärmen.
»Drei Tage.«
»Verdammt. Ich habe nicht an die unterschiedliche Zeit gedacht. Entschuldige. Ich war auf Sublimar in meiner Höhle. Ich hätte Bescheid sagen sollen. Aber du kennst meinen Jähzorn. Ich musste erst einmal meine Gedanken sammeln, um nichts Unüberlegtes zu tun. Außerdem habe ich mit Solutosan gesprochen.«
David sah ihn mit großen Augen an. »Jähzorn? Ich erinnere mich an ein rotes Samtkissen«, sagte er leise.
Terv schluckte trocken. Die Kastration des Widerlings, der seinem Schatz Gewalt angetan hatte. Das Erlebnis war Jahre her und er hatte es fast vergessen.
»Hier liegen andere Gegebenheiten vor, aber …«, er sah David eindringlich in seine klaren Augen, »lass uns kurz in den Garten gehen.«
»Jetzt?«
Terv nickte.
Verständnis flackerte in Davids Miene auf. »Gute Idee. Ich wollte sowieso noch etwas Luft schnappen. Warte, ich hole unsere Jacken.«
Nachdenklich sah Terv ihm nach, als er in den Flur verschwand. Sie verstanden sich auch ohne viele Worte. David war offensichtlich zum gleichen Schluss gekommen wie er und fühlte sich in dem Haus nicht mehr sicher. Sie würden zukünftig innerhalb dieser Mauern keine wichtigen Dinge besprechen.
Dankbar nahm er seine Jacke von David entgegen, und zog sie an. Für seinen Trip nach Sublimar hatten ein Sweatshirt und eine Hose gereicht. Hier, in Vancouver, pfiff ein eisiger Herbstwind und wehte ihnen beim ersten Schritt in den Garten raschelnde Blätter vor die Füße. Er holte sein Handy vom Wohnzimmertisch und schob es in die Jackentasche.
Sofort flankierten sie die vier Robothunde und begleiteten sie auf ihrem Spaziergang. Die Wächter besaßen starke Lichter in ihrer breiten Brust, mit denen sie ihren Weg erhellten.
David und er folgten dem gepflasterten Pfad vom Haus weg und Terv neigte sich zu ihm. »Du fühlst dich offensichtlich auch nicht mehr sicher. Man hat uns ausspioniert und wir müssen das dringend überprüfen lassen.«
»Ich habe Mike Bescheid gesagt«, antwortete David leise. »Er kommt morgen. Wenn jemand versteckte Wanzen findet, dann er.«
»Gut.«
»Es war mein Bruder«, brach es aus Terv heraus. »Es kann nur so sein.«
»Du glaubst mir also?«
»Natürlich, David. Nur jemand, der meine Fähigkeiten hat, konnte dich so täuschen. Ich nehme an, dass er auf der Erde überlebt hat, nachdem man ihn im Austausch von Diva hierher gebracht hat.« Er schluckte, um seinen Ärger zu unterdrücken. »Wenn ich ihn in die Finger kriege. Hätte er nicht einfach anrufen können? Nein, er spioniert mich aus, marschiert hier rein und fickt meinen Mann.« Er hatte während des Sprechens seine Stimme erhoben und korrigierte sich. »Entschuldige. Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich das verdaut habe.«
»Er konnte nichts dafür«, David blickte ihn fest an. »Ich will ihn nicht verteidigen, aber ich habe ihn wirklich überrumpelt.«
»Hör zu.« Terv packte ihn an den Schultern und drehte ihn zu sich. »Sein Eindringen in unser Haus war wohlüberlegt. Er muss irgendwie an meinen genetischen Code gelangt sein und hat sich so in das Sicherheitssystem eingeschlichen. Ob er auch geplant hatte, einen Keil in unsere Beziehung zu treiben, mag jetzt dahingestellt sein.«
Davids Gesicht rührte ihn, als der trocken schluckte. »Keil? Hat er das denn geschafft?«
Nun konnte Terv nicht mehr an sich halten und riss David an sich. »Nein. Das hat er nicht. Wir lassen es nicht zu. Ich werde meine Eifersucht in den Griff bekommen.« Er strich über Davids weiches Haar. Auf einmal spürte er den eisigen Wind, der versuchte, in sämtliche Ritzen ihrer Kleidung zu dringen. Er hob den Blick und sah in die Berge, die sie umringten. Die schneebedeckte Gipfel schimmerten in der Dunkelheit.
Er kam an seinen Bruder nicht heran. Der war längst verschwunden und sein Zorn lief ins Leere. Aber – er streichelte David weiter – wenn sein Bruder Blut geleckt hatte, was seinen Mann anging, würde er vielleicht wiederkommen.
Als hätte David die gleichen Gedanken gehabt, sagte er: »Wie erkenne ich dich? Ich habe nun ständig Angst, dass er mich noch einmal täuschen kann. Er hat sogar … Terv, er hat mich Mimiran genannt.«
Tervenarius hielt inne. Das war ein Beweis, dass sie ausspioniert worden sein mussten. Niemals hatte er im Beisein Dritter diesen Kosenamen verwendet. Diese Erkenntnis ließ ihn die Zähne zusammenbeißen.
»Ich werde meinen Geruch nun nicht mehr ändern. Du wirst mich immer an dem Duft von Marzipan und Veilchen erkennen, wie du es nennst. Hattest du nicht seinen Geruch beklagt?«
David nickte. »Terv, ich fühle mich auf der Erde nicht mehr sicher.«
»Ich weiß. Wir müssen hier weg.«
»Und Dan?«
»Solutosan ist überzeugt, dass ihm auf dem Transport nichts passieren wird. Wir sollten ihm vertrauen. Patallia ist vielleicht zu über vorsichtig. Du bist auf der Erde nachweislich in Gefahr. Gleichgültig, ob ein Spezialist für Wanzen unser Haus überprüft. Ich kann mein Aussehen verändern. Das wird er ebenfalls beherrschen und du wirst nie wissen, wen du wirklich vor dir hast. Du kannst keinem Menschen mehr trauen.«
In diesem Moment klingelte sein Handy.
»Moment, David.« Er zog es hervor und sah auf das Display.
»Martin«, sagte er lautlos zu David.
Der nickte. »Ich fange an zu packen.« Er sah seinem Schatz hinterher, als dieser ins Haus zurückging.
»Hallo?«
»Entschuldige die späte Störung.« Terv hörte die unterdrückte Aufregung in Martins Stimme. Der Geschäftsführer von Allglobalmeds war normalerweise ein kühler, unaufgeregter Mann.
»Wir haben ein Problem mit dem Dolfigrin. Es wirkt.«
Das verblüffte Terv nun doch. »Natürlich wirkt es. Sonst würden wir es ja nicht so gut umsetzen.«
»Nein, du verstehst nicht. Die Menschen, die es nehmen, frieren nicht mehr. Ich habe verschiedene Chargen untersuchen lassen. In einer war eine Substanz … Ich würde sagen, es ist eine Art fungide Masse.«
»Martin, das ist doch nicht außergewöhnlich. Fast alle unsere Medikamente enthalten solche Stoffe. Das macht sie ja so erfolgreich.«
»Du verstehst nicht. Das ist eine unbekannte Substanz, die wir bisher nie verwendet haben. Du musst kommen, und es dir selbst ansehen.«
Verunreinigte Medikamente. Er wollte weg und das kam ihm überhaupt nicht recht. »Gibt es noch Reste der Charge?«
»Nein. Ist alles verarbeitet und ausgeliefert. Aber ich konnte Kapseln auftreiben. Komm bitte morgen früh ins Labor.«
»Gut, ich bin dann da.«
Das konnte doch alles nicht wahr sein. Ein fremdartiger Pilz? Ihm schwante, wer damit zu tun hatte. Aber dafür musste er die Sache untersuchen. Solange bemühte er sich, nicht all zu sehr beunruhigt zu sein. Er würde David auch nichts davon sagen. Vielleicht hatte Martin Ross sich ja getäuscht.
»Was war los?« David kam in den Garten zurück und sie gingen gemeinsam ins Haus. Terv legte den Arm um Davids Schultern, aus dem instinktiven Wunsch heraus, ihn zu beschützen.
»Martin sagt, dass eine Charge des Dolfigrins verunreinigt ist. Das sind Millionen Dosen, die nun bereits weltweit ausgeliefert wurden. Das Verrückte an der Sache ist, dass es den Kältepatienten damit besser geht. Sie frieren nicht mehr.«
»Das ist doch gut, oder?«
Terv blieb vor der großen Glastür der Terrasse stehen. Er wollte im Haus nicht mehr über wichtige Dinge sprechen. »Jemand hat unsere Sicherheitssperren überwunden und die Charge ist mit einer unbekannten, fungiden Substanz versetzt worden.«
»Was?« David wandte sich ihm abrupt zu. »Das kommt mir aber sehr bekannt vor. Kann es sein, dass …?«
»Ja.« Terv nickte und fuhr sich durchs Haar. »Mein Bruder.« Er öffnete die Tür, die Robothunde blieben zurück. »Wir können hier nicht reden, David. Am Besten schaue ich mir die Sache morgen erst einmal an. Dann sehen wir weiter.«
Er sah auf Davids zusammengekniffene Lippen und wusste, was sein Schatz dachte: Es konnte nicht angehen, dass sie in ihrem eigenen Heim nicht mehr sicher waren.

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