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Kapitel 3 und 4 – Zwei Mal David

Sie hatten eine zärtliche, wenn auch stumme Nacht hinter sich. Sie wollten nicht mehr sprechen und wie schon so oft bedauerte David, nicht der Telepathie mächtig zu sein. Aber er und Terv verstanden sich auch so.
Da er nicht wusste, was auf Duonalia an medizinischer Versorgung möglich war, hatte er viele Dinge eingepackt, die Dan für seine künstliche Ernährung benötigte, auch Handtücher, Bettwäsche und einiges mehr. Allerdings ahnte er bereits, dass die Energetiker mit einem Blick auf das Gepäck einen Lachanfall bekommen würden.
»Vielleicht habe ich zu viel eingepackt, Terv.« David rutschte von hinten an seinen nackten Schatz und schlang die Arme um ihn. Die Dämmerung drang in ihr Schlafzimmer. David hob den Kopf, um auf die Uhr zu schauen: Acht Uhr. Es war einer der Tage, an denen es einfach nicht hell werden wollte.
Terv knurrte verschlafen. Er nahm Davids Hand und legte sie auf seinen Schwanz.
»Meinst du, wir werden auch optisch überwacht?«
Das machte Tervenarius wach. »Verdammt, ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nicht, was das Ganze soll.«
David zog die Hand zurück. Es war jetzt nicht die Zeit für Sex. Terv war sauer und er konnte es ihm nicht verübeln. Der schob sich aus dem Bett und fing mit grimmigem Gesicht an sich anzuziehen.
»Du hast recht.« David seufzte und schlug die Bettdecke zurück.
»Ich mache mich auf den Weg. Werde Solutosan nicht im Haus rufen.«
Terv setze sich auf die Bettkante und hielt mit einer Socke in der Hand inne. »Ich komm so schnell wie möglich nach, okay? Schaffst du das alleine? Solutosan hat euch angekündigt.«
»Ja. Geh du in die Firma. Das ist ebenfalls wichtig.« David wollte an Terv vorbei ins Bad gehen, doch der hielt ihn an der Hand fest, stand auf und schloss ihn in die Arme.
Sofort fühlte sich David geborgen und erwiderte den liebevollen Kuss. Er versank für einen Moment in dem Duft von Marzipan und Veilchen.
»Lass uns verschwinden.«
»Ja.« David nickte.

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Kapitel 4  – David

David sah dem Elektroauto mit Terv hinterher, der zu Allglobalmeds fuhr, um diese leidige Sache zu klären. Er sah sich in den kargen, verregneten Garten um. Nein, er würde die Erde garantiert nicht vermissen. Entschlossen drückte er auf den Ring seiner Brust und wartete, bis das Tor sich öffnet und Solutosan hervortrat.
»Alles bereit?«
David wunderte sich, denn Solutosan wirkte besorgt.
»Ist irgendetwas passiert?«, fragte er intuitiv.
»Das erzähle ich dir, wenn wir da sind. Ich gehe jetzt erst einmal den Kleinen holen. Patallia weiß Bescheid.«
Schon wieder Ärger? Was konnte da los sein? Aber David wagte nicht weiter zu fragen, sondern begleitete Solutosan ins Haus zu Dandylons Bett. Der Knabe lag bleich und reglos. David hatte für den Transport die Magensonde entfernt.
Solutosan fackelte nicht lange, nahm das Kind mitsamt der Decke aus dem Bett und marschierte in den in den Garten. Noch im Laufen öffnete er das Tor, wofür David im dankbar war, denn der Himmel war grau und es nieselte. Nachdem Solutosan verschwunden war, und das Sternentor sich geschlossen hatte, eilte David ins Haus um das Gepäck zu holen. Dann ging er zurück und stellte die Alarmanlage scharf. Ob er wohl jemals auf die Erde zurückkehren würde? Er zog den Reißverschluss seines Anoraks zu und wartete auf Solutosan. Sie mussten sich auf Duonalia ein Haus suchen und das Kind gut unterbringen. Hoffentlich war mit dem Transport alles gut gegangen.
Unruhig lief er im Garten auf und ab, schubste mit dem Fuß trockene Blätter von dem dürren Rasen hoch.
Erleichtert atmete er auf, als Solutosan erneut erschien.
»Ist alles okay? Ist der Kleine in Ordnung?«
»Ja, keine Sorge. Ich habe ihn in Meoderns Haus gebracht. Dort ist momentan am meisten Platz. Patallia hat euch ein Haus organisiert, das direkt neben seinem liegt. Er hat irgendetwas von einem Wanddurchbruch erzählt. Ich habe ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, was er vorhat. Aber komm erst mal mit.« Zweifelnd blickte er auf die drei Koffer. »Bist du sicher, dass du das alles mitnehmen willst? Du weißt, Duonalia ist kein Notstandsgebiet.« Er grinste.
»Man weiß nie.« David hatte nicht vor die Sachen zu reduzieren. Da war er bockig.
Solutosan nahm es mit Humor.
»Dann mache ich dafür wohl besser eine Extratour. Komm her.«
David gehorchte, trat zu dem Energetiker, legte seine Hände auf dessen Schultern und gemeinsam schritten sie ins Tor. Schon so oft war er in der tiefgründigen, pechschwarzen Anomalie gereist, nur mit dem goldglänzenden Solutosan als einzige Lichtquelle. Dabei gingen das Gefühl für Zeit und Raum völlig verloren. Des Energetikers starke Schultern bildeten den Fixpunkt, an den David sich klammerte. Er hatte erlebt, was es hieß, während des Transports den Sternenwanderer loszulassen. Tervenarius hatte es vor Jahren getan und war verschollen gewesen.
Nein, er musste nach Duonalia, hielt Solutosan fest und trat mit ihm gemeinsam auf den Innenhof von Meoderns Haus. Zu seinem großen Erstaunen waren alle seine Freunde dort versammelt.
»Hoppla, das ist aber eine tolle Begrüßung.« David strahlte, jedoch wurde sein Lächeln nicht erwidert. Besorgnis sprach aus allen Gesichtern.
»Was ist los?«
Patallia fasste sich als Erster, kam auf ihn zu und umarmte ihn.
»Das Sternentor ist zerstört worden. Und es hat Nice mit weggerissen.«
David sah sich fassungslos um. Meodern war da, sein Sohn Cesare, seine Tochter Aurora, seine Frau Trianora, die Trenarden Luzifer und Slarus sowie Patallia. Nice fehlte.
»Naja, so ganz weg bin ich ja nicht«, sagte eine Stimme neben David, der vor Schreck zusammenfuhr.
»Nice?« David dachte, er habe sich verhört.
»Erschreck dich nicht. Mich hat’s erwischt. Das Sternentor hat mich wohl am Leben gelassen, aber man kann mich nicht mehr sehen.«
Das war die Stimme von Nice, eindeutig.
David tastete in die Richtung, aus der die Stimme kam, und bekam eine Hand zu greifen.
»Ich weiß, ich bin ein verdammter Exot und bei mir klappt nie irgendetwas.«
An die Hand geklammert sah David Patallia verzweifelt an. »Und ist er jetzt auch unsterblich?«
»Das wissen wir nicht. Nice hatte während des Angriffs Visionen. Er sah so etwas wie schwarze Schatten, aber es ist nicht klar, ob es eine Täuschung war, oder es sich dabei um die Zerstörer handelt.«
»Das war verdammt unheimlich, David, das kannst du mir glauben«, erklärte Nice neben ihm. »Alles hatte so gut geklappt, Arm und Gesicht waren bestens in Ordnung. Ich mache meinem Namen nun wieder alle Ehre. Und nun das.«
Das musste David erst einmal verdauen. Er ließ Nice‹ Hand nicht los, und zog ihn zu der freien geflochtenen Sitzbank neben Trianora. Das Antlitz faltig und ruhig, das lange Haar schlohweiß, saß sie in einem blütenweißen Dona-Gewand, und schien zu schlafen. Sie war sehr alt geworden.
»Los, setz dich hin, damit ich weiß, wo du bist.«
Er sah, wie sich das Kissen neben ihm eindrückte. Der Freund saß nun wirklich an seiner Seite.
David wusste nicht, was er sagen sollte und sah an den Gesichtern der Anwesenden, dass es ihnen ebenso erging.
Solutosan hatte kurz vor seinem Tor verharrt, nickte in die Runde und verschwand in der Anomalie. Wahrscheinlich wollte er nun Davids Gepäck holen.
»Aber es muss doch eine Möglichkeit geben ihm zu helfen«, sagte David. Da hatte er eine Idee. Vielleicht konnte er etwas tun.
In diesem Moment erschien das rotierende Tor, Solutosan kann mit dem Gepäck hervor und stellte es ab.
»Bleib da sitzen«, befahl er Nice, ging zu einem der Koffer überlegte kurz und öffnete ihn. Darin hatte er seinen Kulturbeutel, der Make-up enthielt. Das nahm er mit zu der Bank und tastete nach Nice, fand seinen Kopf, holte etwas Make-up aus der Tube und begann, es auf seine Gesichtshaut aufzutragen. Nach und nach kam das Gesicht des Freundes zum Vorschein. David bedeckte auch den Hals, berührte seine Brust und bemerkte, dass Nice nackt war.
»Ich habe auf Klamotten verzichtet, denn ich fand es unzumutbar, wenn sie ohne Kopf herumgelaufen wären. Wieso sind wir nicht auf die Idee mit dem Make-up gekommen?« Nice richtete diese Frage an Patallia, der die Achseln zuckte.
Die anderen hatten sich staunend genähert.
»Moment mal, das geht noch besser.« David ging erneut, um Kontaktlinsen zu holen, die Tervenarius gelegentlich auf der Erde trug.
»Versucht die mal einzusetzen.« Er tastete und gab sie Nice in die Hand. Das Kästchen öffnete sich, dann schwebten die braunen Linsen zu seinem Gesicht.
»Jetzt fehlt dir eigentlich nur noch etwas zum Anziehen und eine Perücke, danach bist du wieder perfekt.«
Nice lachte laut mit seinem lippenlosen Mund, was unheimlich aussah, aber gleichzeitig so lustig, dass alle anderen in sein Lachen einstimmten.
In diesem Moment fiel David siedend heiß Dandylon ein. Der Schreck über die Sache mit dem Sternentor hatte ihn den Kleinen vergessen lassen.
»Wo ist Dan?«
Patallia, der dabei war, Nice‹ Hände mit dem Make-up sichtbar zu machen, hob den Kopf. »Keine Sorge, er ist im Gästezimmer. Aber ich werde ihn mit zu den Prothesenmachern nehmen. Dort kann man ihn besser versorgen.«
Er sah Davids Blick. »Nein, er ist unverändert.«
Aurora war aufgestanden, ins Hause gegangen und kam nun mit einem Tablett voller mit Donamilch gefüllter Becher zurück. Sie besaß die feine Schönheit ihrer Mutter, war ebenfalls blond, hochgewachsen, schlank und feingliedrig. David nahm dankend eines der Getränke von ihr entgegen und trank einen großen Schluck. Er betrachtete Nice, der ein Gewand überzog, das Meo ihm reichte und sich dann mit beiden Händen das Gesicht rieb, um das Make-up auch auf den Lippen und Ohren zu verteilen. »Wenn ich mir die Haare komplett abrasiere, kann ich den Schädel ganz eincremen. Verdammt, schade, um die geile Frisur.«
»Du nimmst es mit Humor, das ist gut.« David stellte den Becher auf den Tisch mit der weißen Steinplatte. »Hat sich bei dir noch etwas verändert?« Er sah den Freund prüfend an. Die Prothesenmacher hatten sein Gesicht perfekt wiederhergestellt. Er sah toll aus.
»Nein. Pat hat mich untersucht, aber nichts gefunden. Und ob ich jetzt unsterblich bin, will ich lieber nicht ausprobieren.« Er grinste schief, und David lachte vor Erleichterung.
»Trotzdem haben wir das Problem, dass Duonalia angegriffen wurde.« Meo setzte sich zu ihnen und auch Solutosan nahm in der Runde Platz.
»Es war, als reiße der Himmel auf. Und dann kamen diese schwarzen Dinger durch«, erinnerte Nice sich. »Hunderte, wenn nicht tausende. Sie umkreisten das Tor, schneller und schneller, und plötzlich krachte es. Das Geräusch werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Es klang wie ein steinerner Schrei.« Nice fuhr sich durch sein unsichtbares Haar. »Das war unheimlich, das könnt ihr mir glauben. Und plötzlich war ich auf der Erde in meinem alten Schlafzimmer. Meine Ex war da, lag im Bett mit so einem schwarzen Ding. Ich brüllte noch, dass sie sich wehren sollte, aber da drehte das Teil sich um.« Er verstummte.
»Und dann?«, fragte David gespannt.
»Es hatte kein Gesicht. Nur so ein tiefschwarzes Saugmaul. Wie ein Höllenschlund. Das war echt wie aus dem schlimmsten Horrorfilm, den man sich vorstellen kann.« Er schwieg erschüttert.
In diesem Moment öffnete sich ein weiteres Tor im Innenhof, und Ulquiorra trat daraus hervor. Er sah sich um und grüßte alle mit einem Nicken.
David betrachtete ihn, wie er ebenfalls nackt zu dem sitzenden Solutosan ging und ihm von hinten vertrauensvoll die Hand auf die Schulter legte. Die beiden bildeten einen wundervollen Kontrast. Ulquiorra, mit seiner schwarzen Haut, in der sich goldene Schlieren träge bewegten, glatzköpfig, riesig und muskulös. Im Gegensatz dazu Solutosan, ebenfalls stark, goldhäutig mit weißem, hüftlangem Haar. Die beiden schienen nach wie vor ein Paar zu sein, was ihn freute.
Wann Terv wohl kam? David hasste es, dass die Zeit sich auf der Erde, auf Duonalia und auf Sublimar völlig unterschiedlich bewegte.
Bis auf die schlafende Trianora und Nice, der eben dabei war, sein Haar mit Dona-Milch sichtbar zu machen, hielten alle ihre Becher in der Hand, tranken und sinnierten vor sich hin.
»Wir haben keinen Ansatzpunkt«, begann Solutosan. »Jemand, der fähig ist, das Sternentor zu zerstören, muss mächtiger sein, als alles, was wir bisher kennen. Der Einzige, der uns da vielleicht weiterhelfen könnte, sind die Alten, aber wo in den Galaxien sie stecken, ist unbekannt.«
Da fiel David etwas ein. »War es nicht so, dass dein Vater sich gelegentlich auf Sublimar im Südmeer bei den Sirenen aufgehalten hat? Es könnte ja sein, dass dort jemand weiß, wo sich die Alten niedergelassen haben. Und was mich persönlich besonders interessieren würde, ob die Alten die Aurifex sind.«
»Aurifex?«, fragte Ulquiorra interessiert.
David nickte. »Es muss bereits im Erdenjahr 500 Sternenwanderer gegeben haben, denn die Aurifex haben damals die Caverner von der Erde evakuiert und danach deren Abkömmlinge mit den bolatarischen Kindern getauscht. Sie sind folglich zwischen der Erde und Sublimar unterwegs gewesen.«
»Warum hat man die Caverner evakuiert?« Ulquiorra veranlasste Solutosan mit einem liebevollen Schubs ein Stück auf der Bank zu rutschen und setzte sich eng neben ihn.
»Soweit Terv und ich recherchiert haben, sind die Caverner niemand anderes gewesen als die Chachapoya, die zu dieser Zeit in Peru lebten. Es gab bei den Mayas einen Kampf um das vorhandene Gold, in das offensichtlich viele Faktoren spielten. Es muss etliche gierige Parteien gegeben haben. Die Aurifex haben damals die Caverner fortgebracht. Die Bolataren weigerten sich zu gehen und wurden ausgelöscht. Natürlich sind diese Informationen nur ein Teil des Puzzles, das wir dabei sind zusammenzusetzen.«
Alle hatte interessiert zugehört.
»Wir waren auf der Erde, um Hinweise auf die Bolataren zu finden, aber es ist einfach schon zu lange her. Allerdings haben wir scheinbar jemanden aufgestöbert. Tervs Bruder ist aufgetaucht.« David schluckte. »Er hat uns in Vancouver besucht und …«
»Moment«, unterbrach Solutosan ihn. »Terv ruft. Ich bin gleich wieder da.«
Er stand auf, öffnete ein Tor und war verschwunden.
»Wenn Terv jetzt noch kommt, sind die Duocarns wieder komplett.« Zum ersten Mal gab Meodern etwas von sich. »Ich habe das Gefühl, dass wir hier vor einem Problem stehen, das unsere gebündelten Kräfte erfordern wird.« Seine grünen Augen schimmerten kampflustig.
»Könnt ihr noch einen unsichtbaren Mann gebrauchen?« Nice grinste. Er sah grauenvoll aus mit dem verschmierten Make-up und den von Dona-Milch triefenden Haaren.

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