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„Küss mich, Superstar“: Prolog und Kapitel 1

Prolog

Das wird mein letzter Auftritt vor meinem Tod sein.

Mein Herz schlägt zu schnell. Noch ist die Bühne schwach beleuchtet. Als ich sie mit langsamen Schritten betrete, rascheln die Pailletten an meinem Kleid. Die Federboa streicht kitzelnd über meine Haut. Beide Hauptscheinwerfer werden eingeschaltet und strahlen mir ins Gesicht, sodass ich die Menschenmenge vor mir nicht mehr erkennen kann. Statt der Menschen sehe ich nur eine schwarze Wand. Applaus brandet auf. Wenn diese ahnungslosen Menschen wüssten, was sich alles hinter den Kulissen dieses Varietés abspielt, würde ihnen das Essen, das vor ihnen auf den kleinen Tellern liegt, im Halse stecken bleiben!

Diese Gedanken rauschen wie ein Sturm durch meinen Kopf. Das Klavier beginnt zu spielen, und ich schließe kurz die Augen, als ich zum Singen ansetze. Dies wird mein letztes Stück sein. Augenblicklich beginnt meine Stimme zu zittern. Ich werde nie wieder auf einer Bühne stehen, mich bejubeln lassen und im Meer der Bewunderung baden.

Aber das war es wert.

Mein Blick schweift über den Saal, den ich durch die Scheinwerfer nur schemenhaft erkennen kann. Neben der Bühne steht Pierre. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen, als ich ihn sehe, und meine Stimme zittert. Alles in mir sehnt sich nach ihm. Ich will ihn noch einmal spüren, noch einmal seine süßen Lippen auf meinen fühlen … all meine Gefühle lege ich in den Gesang, der mein einziges Lebenselixier ist. Marie kennt keine Gnade, ich habe es in ihren Augen gesehen. Sie duldet keine Liaison zwischen dem Leiter des Varietés und der heißgeliebten Sängerin.

Pierre …

Ich blicke ihn weiterhin an, singe nur für ihn. Es geht um mein Leben, und er weiß es nicht. Morgen schon wird es passiert sein. Nie wieder werde ich ihn lachen hören, durch sein helles Haar streichen oder seinen süßen Worten lauschen.

Hätte ich ihm doch nur einmal mehr gesagt, wie sehr ich ihn liebe.

Kapitel 1

Mein Leben war genau das Gegenteil des feucht-fröhlichen Saufgelages, das auf dieser blöden Karte suggeriert wurde. Für mich war ein Grund zum Feiern schon der Tag, wenn meine Tochter von alleine ihr Geschirr wegräumte.

Ich stand vor dem Kühlschrank und sah mir die Einladung zum siebentausendsten Mal an, obwohl sich der Inhalt nicht verändert hatte: Der Jahrgang 2001 feierte das fünfzehnjährige Abi-Jubiläum und natürlich waren alle Absolventen eingeladen. Auf der Vorderseite der Karte lachten mich feiernde Männer und Frauen an, die der Absender in irgendeinem Bilderportal gekauft hatte. Sie hielten Sektgläser in die Kamera und freuten sich offenbar über ihr schönes Leben. Missmutig warf ich ihnen meinen abschätzigsten Blick zu. In ihrem Alter hatte meine Zukunft auch noch rosig ausgesehen. Und jetzt?

Ich riss meinen Blick seufzend vom Kühlschrank los. Meine Laune lag unter dem Gefrierpunkt. Wie in einem automatisierten Prozess griff ich nach dem Putzlappen, der über dem Wasserhahn hing, und begann, die ohnehin sauberen Arbeitsflächen abzuwischen. Der Gemüseauflauf, den meine Tochter Leonie sich gewünscht hatte, würde noch ein paar Minuten brauchen, also nutzte ich die Zeit, um meinen Frust mit Hausarbeit abzubauen. Wenn es nach Felix ging, war alles gut. Er führte genau das Leben, das er sich immer gewünscht hatte: Ingenieurwesen studieren, dann einen gut bezahlten Job in Hamburg finden, seine große Liebe heiraten und mit ihr eine Familie gründen. Und natürlich ein Haus kaufen. Ihm fehlte nur noch der obligatorische Baum, den angeblich jeder Mann in seinem Leben pflanzen musste … und statt eines Sohnes hatte er eine Tochter gezeugt. Und das auch viel zu früh, nämlich als wir im dritten Semester waren. Aber ansonsten hatte sich alles erfüllt, was er sich vorgestellt hatte.

Mit steigender Wut arbeitete ich mich von der Küche zum Wohnzimmer vor. Ich freute mich ja, dass wir nach der langen Suche vor drei Jahren endlich ein bezahlbares Haus gefunden hatten, aber meine Hausarbeit hatte sich seitdem verdoppelt. Ich wischte alle glatten Flächen im Wohnzimmer ab und holte dann den Staubsauger aus dem kleinen Abstellraum. Das laute Tosen des klobigen Gerätes wenige Sekunden später war eine Wohltat, denn diese Geräuschkulisse machte meine Gedanken erträglicher.

»Was ist nur aus meinem Leben geworden?«, murmelte ich, während eine Staubflocke aus einer Ecke hinter der Tür für immer im schwarzen Nichts des Staubsaugerbeutels verschwand. Früher war ich noch ambitioniert gewesen! Ich hatte Journalistin werden und für Magazine schreiben wollen, aber schon nach zwei Semestern Literaturwissenschaft hatte sich die Ernüchterung eingestellt. Es war nicht so, dass ich nicht schreiben konnte, aber es machte mir nicht so großen Spaß, wie ich gedacht hatte. Schon damals beneidete ich Felix, der mit seinem Studium überglücklich gewesen war, neue Freundschaften geschlossen hatte und sein Leben in vollen Zügen genoss. Ich fand dann in meinem Studienfach Bibliothekswesen zwar etwas, das mich forderte und mit dem ich mich gerne beschäftigte, aber so erfüllt wie mein Mann war ich dabei nie gewesen. Davon abgesehen hatte ich mit Leonie zu Hause auch nicht die Chance gehabt, Karriere zu machen.

Diese Einladung zum Klassentreffen hatte mir vor Augen geführt, dass sich all meine Jugendträume ins Nichts verflüchtigt hatten. Je länger ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich über mein vergeudetes Leben. Ich saugte den Boden bei der Couch, den kleinen Flur und arbeitete mich bis zum Gästezimmer vor, wo ich meine Wut am Teppich ausließ. Ich trieb den Staubsauger mehrmals über den widerspenstigen Stoff und überprüfte jeden Zentimeter auf Körnchen, Flusen und Katzenhaare. Wenn ich schon diesen Raum auf Vordermann brachte, konnte ich eigentlich auch die Bettwäsche wechseln.

Mein Blick fiel auf eine Frauenzeitschrift, die ich auf den Beistelltisch des Bettes gelegt hatte. Meine schlechte Laune war für einen Moment wie weggeblasen.

Da war er und zierte das Titelblatt: Vincent Bergholm. Der bestaussehendste Schauspieler der ganzen Welt, wenn man mich fragte. Sohn schwedischer Einwanderer, der mittlerweile Hollywood erobert hatte. Der schwedische Exportschlager nach Ikea. Hach, ich liebte ihn.

Ich nahm die Zeitschrift in die Hand und betrachtete sein Gesicht genauer. Alles an diesem Blick schrie: »Ich will dich, Kati!« Am liebsten hätte ich mich ihm in die Arme geworfen und ihm gesagt, dass er mich für alles haben konnte, was immer ihm in den Sinn kam. Ich sah mich schon in seiner Villa in Miami sitzen, in einem Bademantel aus dem weichsten Frottee, und Vincent kam von einem Drehtag nach Hause. Er war verschwitzt, zog vor meinen Augen seine Klamotten aus und hielt mir seine Hand hin. »Lass uns duschen«, sagte er mit seiner unverwechselbaren tiefen Männerstimme, deren Bass mein Blut in Wallung brachte.

»Hach«, seufze ich laut, drückte die Zeitschrift an mein Herz und wünschte mich nichts sehnlicher, als ein anderes Leben. Ein Leben mit ihm. Er war es auch, der mich inspiriert hatte, mich vor ein paar Jahren doch wieder beim Laientheater anzumelden und mich meiner Leidenschaft, dem Schauspielen und Singen, hinzugeben.

Ich las, dass er demnächst für einen Kinofilm vor der Kamera stehen würde, der im Paris der Zwanzigerjahre spielte. Den Film würde ich mir garantiert im Kino ansehen. Bis dahin würde ich weiter von ihm träumen …

Gerade als ich mich am Kopfkissenbezug zu schaffen machen wollte, hörte ich ein alarmierendes Piepen. Ich lauschte und versuche, das Geräusch zu lokalisieren. Es klang nach einem LKW, der vor unserem Haus rückwärts fuhr.

Plötzlich riss Leonie die Tür auf. »Mama, der Auflauf!«

Ich ließ alles stehen und liegen und rannte in die Küche. Mein Gott! Der Rauchmelder im Flur war angesprungen, der Backofen war in stinkenden Qualm gehüllt. Ich riss das Fenster auf und schloss die Küchentür. Leonie stand hustend neben mir und starrte auf den Ofen.

»Toll, und was essen wir jetzt?«, fragte sie vorwurfsvoll.

Ich hielt ein Geschirrtuch unter Wasser und wirbelte damit herum. In einem Haushaltsmagazin hatte ich mal gelesen, dass das gegen Geruchsentwicklung helfen solle, aber es hatte nur zur Folge, dass meine pubertierende Tochter mich ansah, als sei ich übergeschnappt. »Ich mach uns schnell Nudeln mit Ketchup«, antworte ich mit versöhnlicher Stimme, aber Leonies Miene verfinsterte sich weiter und mir fiel ein, dass das momentan ein empfindliches Thema bei ihr war.

»Ich habe doch gesagt, dass ich keine Weizenprodukte mehr essen will. Hört mir in dieser Familie eigentlich irgendjemand zu?« Wutentbrannt, als hätte ich sie schwer beleidigt, stapfte sie aus der Küche und schmetterte die Tür hinter sich zu. Ich musste dringend ein ernstes Wörtchen mit ihr reden. Ihr Tonfall wurde von Woche zu Woche respektloser.

Resigniert ließ ich mich auf einen der Küchenstühle fallen und knetete das klamme Handtuch in meinen Händen.

Mein Leben ist einfach eine große Enttäuschung, stellte ich fest. Meine Ehe war alles andere als glücklich, mir war, als würde ich mit meinem Mann in einer WG leben, und meine Tochter würde sich am liebsten von einer anderen Familie adoptieren lassen. Aber das Schlimmste war, dass ich mich selbst enttäuscht hatte. So ein Leben hatte ich nie führen wollen.

In einem Magazin hatte ich einmal gelesen, dass man auch schlechte Gefühle zulassen und sich nicht gegen sie wehren sollte. Das war aber nicht mein Ding. Ich unterdrückte lieber die aufsteigende Trauer über mein Leben in der Sackgasse, wie ich es immer tat. Es war schließlich nicht zu ändern, warum also Trübsal blasen? Ich würde Leonie zwei Schnitten Roggenbrot schmieren und hoffen, dass sie sich noch nicht selbst zur Adoption freigegeben hatte.

Als ich das Brot zubereitete, fand ich noch eine reiche Auswahl diverser Obstsorten und garnierte ihren Teller mit Weintrauben, Banane, Apfel und zwei Kiwis. Ich transportierte alles zu Leonies Zimmer und klopfte an. Niemand antwortete. Langsam drückte ich die Türklinke herunter, um ihr alle Chancen der Welt zu geben, auf ihre Privatsphäre zu bestehen, aber ich hörte keine Proteste. Wenige Sekunden später wusste ich auch, warum: Leonie hatte ihre Kopfhörer aufgesetzt und hing mal wieder vor dem Bildschirm. Sie lachte und schaute sich irgendein Video von ihren Idolen, den »Lochis«, an. Die Wände ihres Zimmers waren vollgepflastert mit ihnen und anderen »YouTube-Stars«, wie man so schön sagt.

Ich stehe wenigstens auf echte Weltstars, dachte ich und stellte den Teller auf ihrem Bett ab. Früher oder später würde sie ihn entdecken.

In Momenten wie diesen, wenn einem das Leben farblos und unerträglich vorkam, war es gut, eine Freundin zu haben. Auf dem Weg zurück zur Küche zückte ich mein Handy und schickte meiner Freundin Tammy eine Nachricht.

Ich brauche jemanden zum Reden. Treffen wir uns nachher zum Walken? 15 Uhr?

Tammy war neben Felix die einzige Person aus meiner Schulzeit, zu der ich noch Kontakt hatte. Wir hatten uns erst im letzten Schuljahr wirklich angefreundet und dann ein paar Jahre aus den Augen verloren, aber jetzt wohnte sie wieder in Hamburg.

Tammy meldete sich zehn Minuten später und bestätigte unser Treffen. Ich sah zur Uhr: Viertel nach zwei. Auf dem Heimweg würde ich noch schnell einkaufen, um meiner kleinen Madame etwas anderes als Weizenprodukte zu kredenzen.

Wieder betrachtete ich die Einladungskarte am Kühlschrank. Warum kniff ich nicht einfach? Niemand würde mich dort vermissen, oder? Felix sollte allen sagen, dass ich Magen-Darm-Grippe oder so etwas habe. Noro-Virus. Läuse – was auch immer, damit ich zu Hause bleiben konnte. Aber ich kannte meinen Mann, er würde mit Sicherheit darauf bestehen, dass ich mitkam. Dabei wusste ich nicht einmal, was ich anziehen sollte.

Im Eiltempo verschlang ich eine Banane und eine Scheibe Brot. Tammy trichterte mir immer wieder ein, wie ungesund es sei, vor dem Sport zu essen, aber ich war der festen Überzeugung, mit leerem Magen ungefähr so viel Sport treiben zu können, wie Felix Theater spielen konnte. Der Teller wurde leerer, mein Magen voller, und schließlich wurde ich rechtzeitig fertig, um Tammy pünktlich zu treffen. Ich räumte das Geschirr in die Spülmaschine, zog mich um und sagte Leonie Bescheid. Doch der schien es ziemlich egal zu sein, ob ihre Mutter zu Hause war oder auf dem Mond.

Auf dem Weg zum Auto traf ich auf Rosie, meine in die Jahre gekommene Nachbarin. Ich fand es immer wieder erstaunlich, dass sie in ihrem Alter noch in ihrem eigenen Haus lebte, obwohl sie kaum ohne Hilfe die Stufen bis zur Eingangstür bewältigen konnte. Sie stützte sich auf ihren Gehstock und betrachtete ihren Garten.

»Hallo, Rosie«, grüßte ich sie mit lauter Stimme.

Sie sah auf und lächelte, was ihr ohnehin knautschiges Gesicht in unzählige weitere Falten legte. »Hallo Kati.«

»Kommst du mit deiner neuen Hüfte klar?« Sie war vor ein paar Wochen operiert worden, weil es ein Problem mit dem alten künstlichen Gelenk gegeben hatte.

Sie winkte ab. »Mich haut so schnell nichts mehr um. Wo ist Felix? Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.«

»Er arbeitet momentan sehr viel.«

»Ah ja.« Sie nickte wissend. »Ja, das sagen sie dann, obwohl sie mit ihren Kumpels Bier trinken gehen oder heimlich eine andere Frau treffen.«

Ich fühlte den Drang, meinen Mann in Schutz zu nehmen, schließlich war er kein Säufer und schon gar kein Fremdgänger, aber Rosie erkannte meine Entrüstung schon am Gesichtsausdruck. Für sie waren alle Männer gleich.

»Was musst du zuerst ausziehen, um deinen Mann ins Bett zu bekommen?«, fragte sie nun mit verschmitzter Miene.

Ich starrte sie ein paar Sekunden lang irritiert an.

»Den Stecker aus der Dose«, erklärte Rosie und lachte auf, was in ein heiseres Husten überging.

Ich lächelte. »Das wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.«

»Oh ja.« Rosie kam zwei Schritte auf mich zu und stützte sich auf dem Holzzaun ab. »Habe ich lange genug mitgemacht. Es hatte zwar seine Vorteile, lange verheiratet zu sein, aber definitiv auch seine Nachteile. Oder, wie mein Mann so schön sagte: Wenn du tot bist, habe ich wenigstens wieder meine Ruhe. Dass ich ihn überlebe, hätte er wohl nicht gedacht.« Sie lachte erneut, obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie es wirklich lustig fand.

»Ich treffe mich jetzt mit meiner Freundin zum Walken«, erklärte ich und hielt die beiden Nordic-Walking-Stöcke in die Höhe.

Rosie beäugte sie kritisch. »Aber es liegt doch gar kein Schnee.«

Jetzt musste ich wirklich lachen. »Nein, man läuft damit! Das dient nur … zur Unterstützung der Armmuskulatur, glaube ich.« Meine Erklärung schien ihren Argwohn nicht zu mindern. »Komm doch mit, du hast doch bestimmt noch einen zweiten Gehstock, den du benutzen kannst.«

»Pass auf, dass ich dir mit diesem hier nicht gleich die Leviten lese!«, sagte sie und grinste. »Du willst wohl, dass ich einen Herzinfarkt erleide. Nein, nein, ich werde mich zu meinem Nachmittagsschläfchen zurückziehen. Hab viel Spaß.« Ohne meine Antwort abzuwarten, wandte sie mir den Rücken zu.

»Dann schlaf gut«, rief ich ihr hinterher und steuerte meinen Wagen an.

Es verging mehr als eine halbe Stunde, bis ich in die Siedlung bog, in der Tammys Wohnung lag. Zwar schlug ich ihr immer wieder vor, dass wir bei uns auch auf den Feldwegen zwischen den Weiden laufen konnten, aber ihr Hauptargument, dass es bei uns immer nach Gülle stinken würde, stach alle meine Argumente aus. Daher drehten wir unsere Runden meist um das Niendorfer Gehege, das bei ihr in der Nähe lag.

Ich drückte den Klingelknopf und wartete. Eine Minute später stand sie in Leggings, Sweatjacke und mit Handschuhen in der Haustür.

»Hallo, meine Süße!«, begrüßte sie mich strahlend und umarmte mich.

Als ich ihren zierlichen Körper an mir spürte, fragte ich mich mal wieder, warum eine dünne Frau wie sie überhaupt Sport machte. Zehn Kilo mehr auf den Rippen, und die Frauenwelt würde ihre Krallen einfahren, wenn sie sie sah. Aber so war sie die lebende Bedrohung für jedes mühsam erarbeitete Stückchen Selbstbewusstsein, das frau hatte. Trotzdem liebte ich sie, weil sie sich nichts aus den neidischen Blicken anderer Frauen machte, wenn sie ein großes Stück Kuchen verdrückte und alle anderen nur Salat bestellten.

»Du siehst gar nicht so aus, als müssten wir über etwas sprechen«, meinte sie, schloss die Tür hinter sich und ging los. Ich holte zu ihr auf, und wir fanden unser Tempo. Das regelmäßige Klackern der Stöcke begleitete uns auf unserem Weg zum Park.

»Ach, es ist dieses Treffen morgen.«

»Das Abi-Jubiläum? Oh, ich freue mich schon so darauf!« Tammys Augen leuchteten mich an. »Stell dir nur vor, wen wir alles wiedersehen werden! Petra, Sonja, Sofia … die beiden Claudias. Elke. Und natürlich Olaf, den vermisse ich ja schon lange. Wusstest du, dass er schon drei Mal verheiratet war?«

»Nein.« Ehrlich gesagt wusste ich von gar keinem aus unserem alten Jahrgang irgendwas, und es interessierte mich auch nicht. »Ich glaube, ich komme nicht mit.«

»Wieso nicht?«

»Ach, keine Ahnung«, druckste ich herum.

Tammy hatte immer viel Verständnis für meine Probleme, aber manchmal reagierte sie, ohne nachzudenken.

»Vorhin habe ich die letzten zwanzig Jahre Revue passieren lassen und das Ergebnis war ernüchternd.« Ich wartete ein paar Sekunden ab, während wir den Parkeingang passierten. Tammy hielt geduldig ihren Mund. »Ich meine, was ist denn schon aus mir geworden? Bin ich die erfolgreiche Journalistin, die ich in mir gesehen hatte? Nein. Reise ich durch die Welt, erkunde fremde Städte und rette Kinder in Afrika? Nein. Ich bin auch kein Filmstar oder Musical-Darsteller geworden, obwohl ich in der Theater-AG eine Eins hatte und in einer Laiengruppe spiele. Ich lebe keinen einzigen meiner Träume!« Wütend rammte ich den Stock in den Waldboden.

»Jetzt mach aber mal halblang«, beruhigte mich meine Freundin. »Kaum einer arbeitet in dem Beruf, den er sich in der Schule vorgestellt hat. Und du hast ein Haus, eine intakte Ehe und eine wunderbare Tochter! Darauf kannst du doch stolz sein.« Ihre Stimme klang fast etwas sehnsüchtig. Mir tat es augenblicklich leid, dass ich ihr etwas vorjammerte, denn ihr größter Traum – eine eigene Familie mit einem liebenden Ehemann – war nicht in Erfüllung gegangen, und es sah auch nicht danach aus, dass sich dieser Umstand bald ändern würde.

»So intakt ist unsere Ehe auch wieder nicht«, sagte ich etwas leiser.

»Zeig mir eine, die es ist. Das ist ein Gerücht.«

»Kann sein.« Wir bogen links auf einen anderen Weg ab. »Aber du hast wenigstens eine tolle Karriere vorzuweisen.«

»Und eine Ehe, die kaputt gegangen ist, weil das mit dem Kinderkriegen nicht geklappt hat. Wollen wir tauschen?«

»Ach, mein Pubertier kannst du gerne haben«, sagte ich grinsend. »Früher war sie noch süß, aber jetzt wird sie irgendwie gruselig. Wir waren als Teenager doch ganz anders, oder?«

Tammy nickte grinsend. »Siehst du, wenn du morgen ein paar Anekdoten erzählst, dann wirst du bestimmt einige zustimmende Kommentare anderer leidgeplagter Eltern ernten. Und was Felix betrifft …« Sie warf mir einen kurzen Blick zu. »Er ist, wie er ist. Wir gehören ja noch nicht zum alten Eisen, aber eines weiß ich: Fast jeder Mann, den ich treffe, hat irgendeinen Knacks. Entweder wurde er von seiner Frau verlassen, oder er hat seine Freundin betrogen oder es hat einen triftigen Grund, warum er mit Anfang dreißig noch keine Freundin hatte. Sei froh, dass du Felix so früh schon so lange kennst. Dann weißt du wenigstens, dass du ihm seinen Knacks selbst bereitet hast.«

Ich musste schmunzeln. »Meinst du, wir haben auch so eine Macke?«, fragte ich und sinnierte wieder über mein Leben. Was für ein Mensch wäre ich wohl geworden, wenn ich einem meiner Träume doch gefolgt wäre? Nach dem Abitur hatte ich tatsächlich kurz mit dem Gedanken gespielt, eine Gesangsausbildung zu machen und professionell Theater zu spielen oder Musicaldarstellerin zu werden. Aber jeder hatte es mir ausgeredet, und irgendwann war es mir auch nicht mehr richtig vorgekommen. Lieber auf Nummer sicher gehen. Jetzt war ich auf Nummer langweilig.

»Wir haben vermutlich einen kompletten Dachschaden«, antwortete Tammy und lachte laut los. Ich wollte ihr nicht einmal widersprechen.

Völlig durchgeschwitzt begab ich mich eineinhalb Stunden später auf den Rückweg. Tammy wollte mich noch zu einer Tasse Tee überreden, aber da ich für Felix noch kochen musste, lehnte ich ab. Ich drehte das neue Album von Adele auf volle Lautstärke und sang mit, um mich nicht weiter mit meinen nervigen Gedanken auseinandersetzen zu müssen. Die würden schon noch früh genug wieder in mir hochsteigen und wie ein lähmendes Gift durch meinen Kopf sickern, bis ich an nichts anderes denken konnte als an die Tatsache, versagt zu haben.

»Du bist schon da?«, rief ich, als ich, vollbeladen mit Einkaufstüten, die Tür öffnete. Felix’ Auto stand vor der Garage. Ich schaute auf meine Armbanduhr. »Es ist doch gerade mal halb fünf.«

»Soll ich wieder fahren?« Die Stimme kam aus dem Wohnzimmer.

Ich stellte die Lebensmittel in der Küche ab, stellte meine Schuhe in den Schuhschrank und räumte Felix’ und Leonies ebenfalls weg. Wann würden sie endlich lernen, dass ein Schuhschrank kein Dekoelement war, sondern benutzt werden durfte?

Felix saß natürlich, wie immer, in seinem Fernsehsessel. Seit unserer Hochzeit hatte er, im Gegensatz zu mir, kein Kilo zugenommen, und das, obwohl er noch nicht einmal regelmäßig zum Sport ging. Er hatte sein Kinn nachdenklich auf seine Hand gestützt und starrte gebannt in den Fernseher. Es ging um irgendetwas mit Aktien. Vor ihm auf dem Tisch stand ein leerer Teller, die Ketchupreste verrieten, dass er benutzt worden war. Scheinbar hatte er sich Nudeln gekocht. Die Tischdecke hatte er unachtsam weggeschoben, um Platz für sein Essen zu machen, schließlich musste er sie ja auch nicht bügeln. Ein Glas Cola stand in einer Wasserlache aus Kondenswasser.

»Du hast ja doch etwas zu essen gefunden.« Ich beugte mich routiniert zu ihm herunter und gab ihm einen Kuss, dabei kitzelte mich sein Dreitagebart an der Oberlippe. Ich räumte das leere Geschirr ab und ersparte mir sämtliche Nachfragen, wie es auf der Arbeit war, oder ob wir am Wochenende endlich zum Baumarkt fahren würden, um den leckenden Wasserhahn im Gästebad auszutauschen. Wir waren jetzt fast fünfzehn Jahre verheiratet und ich wusste, dass er mindestens eine Stunde Zeit für sich brauchte, wenn er nach Hause kam.

Wenn er mir kurz Bescheid gegeben hätte, hätte ich bei Tammy doch noch einen Tee trinken können, dachte ich.

»Gab es noch Probleme mit dem Wagen?«, fragte Felix. Heute Morgen hatte irgendeine Lampe geleuchtet, mit der ich nichts anfangen konnte.

Nickend ging ich in Richtung Küche. »Alles paletti.«

»Wie gut, dass du mich hast. Stell dir vor, du hättest plötzlich irgendwo auf der Kreuzung gestanden und der Motor wäre verreckt.«

Ich wollte es mir lieber nicht vorstellen. »Denkst du an morgen?«, rief ich dann in seine Richtung, als mir die Einladung wieder vor die Augen kam. »Die Jubiläumsfeier vom Abi«, fügte ich erklärend hinzu.

»Ja, das wird sicher lustig«, gab er zurück.

»Na klar, das wird der totale Brüller«, murmelte ich missmutig und schrubbte mir an der Auflaufform mit dem eingebrannten Gemüse den Frust von der Seele.

»Deine Theatertante hat angerufen«, informierte er mich einige Augenblicke später. Felix nannte meine Schauspielkolleginnen immer Theatertanten und die Männer Sängerknaben. In seinen Augen waren unsere Proben reine Zeitverschwendung.

»Wer genau?«

»Andrea. Du sollst nächstes Mal deinen blauen Hut mitbringen.«

Unsere Requisite war nicht sonderlich gut ausgestattet, also zauberten wir unsere Kostüme meistens selbst und ich hatte Andrea von meinem blauen Hut erzählt. »Ist gut«, antwortete ich und hing meinen Gedanken nach. Was hätte ich alles getan, um jetzt in den Armen von Vincent Bergholm zu liegen!

Küss mich, Superstar!

Kati macht eine handfeste Midlife-Crisis zu schaffen und das mit Anfang Dreißig. Sie lebt nur noch für Mann, Haus und die pubertierende Tochter. Dabei fühlt sie sich wie ein abgetragenes Unterhemd: zum Putzen gerade gut genug, ansonsten eher wertlos. Doch dann bietet sich ihr die Chance auf ein aufregendes Abenteuer … – kurze Zeit im Einführungspreis nur 99 Cent!

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