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Scherbenbrut

Prolog

Oktober 1999

Nach Newhaven?“ Der Busfahrer sah mich misstrauisch an. Durchbohrte mich förmlich mit seinem Blick. „Von dort aus geht heute aber kein Bus mehr weg. Ich bin der letzte.“ Er sah mich weiter an, abschätzend.

Ruhig bleiben, mahnte ich mich im Stillen. Lass dir um Himmels willen nichts anmerken. Ich setzte ein gekünsteltes Lächeln auf. „Ich muss heute nicht mehr zurück.“

Der Mann zögerte noch einen Augenblick, dann gab er mir das Ticket.

Ich ging an den anderen Passagieren vorbei, spürte ihre Blicke auf mir, setzte mich in die hinterste Reihe auf einen Fensterplatz. Dort krallte ich meine Hände in den Stoff meiner Fleecejacke, konzentrierte mich darauf, so gelassen wie möglich rüberzukommen.

Unsichtbar sein.

Eigentlich eine meiner leichtesten Übungen. Doch heute wollte mir das nicht so recht gelingen. Immer wieder spürte ich die Blicke des Fahrers auf mir, wie er mich durch den Rückspiegel musterte, sich zu fragen schien, weshalb ich an einem Wochentag spätabends von London nach Newhaven wollte. Ich begegnete seinem Blick, wollte selbstsicher erscheinen, um auf keinen Fall sein Misstrauen weiterzuschüren. Schließlich lehnte ich meinen Kopf an die Seitenscheibe und schloss die Augen, spürte, wie ich langsam zur Ruhe kam. Das sanfte Rütteln des Busses machte mich irgendwann müde, trotzdem schaffte ich es einfach nicht, einzuschlafen. Stattdessen hatte ich plötzlich ihr Gesicht vor mir. Diese großen hellblauen Augen, ihre langen, gelockten goldblonden Haare, die sie immer zu einem frechen Pferdeschwanz gebunden trug. Ich spüre, wie sich in meinem Innern ein Orkan zusammenbraute und befahl mir, an etwas anderes zu denken. Zu spät. Mein Gedankenkarussell drehte sich weiter. Ich sah sie in ihrem schicken, geblümten Hosenanzug, den sie genau heute vor einem Jahr zum Geburtstag bekommen hatte. Alles an ihr war einfach wunderschön, kein Wunder, dass sie von allen geliebt wurde.

Ich schnappte nach Luft, setzte mich gerade hin, befahl mir, an etwas anderes zu denken. Vergeblich. Inzwischen füllte sie mein Innerstes komplett aus. Ich sah, fühlte und hörte sie. Ihr glockenhelles Lachen, ihre Energie, mit der sie die Menschen um sich herum förmlich mitzureißen schien. Wieder spürte ich das altbekannte Brennen in meinem Innern. Wut, die sich langsam, aber stetig an die Oberfläche fraß und schließlich in grenzenlosen Hass umschlug.

Hass gepaart mit Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Gefühle, die mich schon mein Leben lang begleiteten. Mir wurde übel. Panisch versuchte ich, den aufsteigenden Brechreiz zu unterdrücken, spürte, wie mir der Schweiß in Sturzbächen aus den Poren strömte und meinen Pullover durchnässte.

Als der Bus endlich in Newhaven anhielt, sprang ich auf und rannte den Gang entlang auf die Tür zu. Als ich endlich draußen war, drehte ich mich ein letztes Mal zu dem Fahrer um. Er fuhr los, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Zufrieden zog ich mir die Kapuze über den Kopf und machte mich auf den Weg.

Als ich eine dreiviertel Stunde später zusammengekauert in einem Busch vor dem Haus saß, war die Party noch in vollem Gange. Von meinem Platz aus konnte ich geradewegs in das von Gästen vollgestopfte Wohnzimmer sehen. Alle wirkten fröhlich und ausgelassen, was mich noch zorniger machte. Und dann sah ich sie. Leibhaftig und in Farbe. Wie sie inmitten eines Berges von Geschenken saß und in Richtung ihres Vaters strahlte, der gerade ein Foto von ihr schoss. Ich nahm das Fernglas aus meinem Rucksack, um besser erkennen zu können, was sich in den zum Teil geöffneten Präsenten befand. Da waren Berge von schicken Klamotten, Schminkzeug, hübsch verzierte Parfumfläschchen, unzählige Bücher und CDs. Mädchenkram eben. Angewidert wandte ich mich ab, atmete tief durch. Alles in mir schrie danach, zu ihr hinzugehen, ihr ins Gesicht zu spucken. Ich wollte sie anschreien und schütteln, damit sie endlich begriff, dass das Leben nicht nur aus Spaß, Partys und Geschenken bestand. Dass es Menschen gab, die alles verloren hatten. Die sich jeden Tag aufs Neue durchs Leben quälen mussten. Ihretwegen.

Eine Welle der Traurigkeit flutete meine Adern, füllte mich aus, nahm mir alle Kraft. Ein krächzender Schrei gellte durch die Nacht. Als mir bewusst wurde, dass ich dieses schreckliche Geräusch verursacht hatte, presste ich erschrocken die Hände auf meinen Mund und legte mich flach auf den Boden.

Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sie mich hier vorfänden.

All meine Pläne für die Zukunft, mein Lebensziel, der einzige Grund, warum ich überhaupt noch existierte, wären beim Teufel.

Ich wartete einen weiteren Augenblick, dann rappelte ich mich langsam wieder auf. Im Haus war alles wie zuvor. Niemand von ihnen schien mich gehört zu haben. Alle lachten, waren fröhlich.

Ich seufzte erleichtert.

Dann sah ich ihre Eltern, die sich gerade küssten. Mein Blick sog sich an ihren verzückten Gesichtern fest.

Alles in mir verkrampfte sich.

Plötzlich hatte ich Angst, dass der Hass Oberwasser gewinnen und ich die Kontrolle verlieren würde.

Nicht heute, flüsterte eine Stimme in meinem Innern. Noch ist nicht der richtige Zeitpunkt gekommen.

Ich konzentrierte mich auf meinen Atemfluss.

Es vergingen Minuten, bis ich meine Fassung wenigstens ansatzweise wiedererlangt hatte.

Dann atmete ich tief durch und kroch rückwärts aus meinem Versteck.

BALD, schwor ich mir selbst und warf einen letzten Blick zum Haus.

Nicht mehr lange und sie würden dafür bezahlen, was sie mir angetan hatten.

Was sie UNS angetan hatten.

Ein Kichern drang über meine Lippen.

Ich spürte, wie dieser Vorsatz mir neue Kraft gab, mich vorantrieb, mein Innerstes trotz des eisigen Küstenwindes warm hielt.

Ich legte meinen Kopf in den Nacken, ließ meinen Blick über den wunderschönen Nachthimmel schweifen, suchte den Stern, der am hellsten von allen leuchtete, bildete mir ein, dass sie es war und dass sie mir auf diese Weise ein Zeichen gab.

Eine Sintflut von Tränen strömte meine Wangen hinab, durchnässte den dicken Stoff meiner Jacke.

Entschlossen ballte ich meine Hände zu Fäusten.

Niemand entgeht seiner gerechten Strafe“, flüsterte ich. „Darauf hast du mein Wort. Ich werde sie büßen lassen für das, was sie uns angetan haben. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“

Kapitel 1

London, April 2014

Kommst du?“ Jonathan Webbster, genannt Joe, aus der Personalabteilung grinste über beide Ohren und tippte ungeduldig mit den Fingern gegen die Glastür.

Adam sah ihn verwirrt an. „Ich versteh nicht, wohin soll ich kommen?“

Sein Kollege grinste noch breiter. „Wir treffen uns später alle in der Leadenhall-Passage und kippen ein paar Drinks. Die du bezahlen wirst, mein Alter.“

Auf einmal fiel der Vorhang. „Dann ist meine Beförderung durch?“, stieß Adam atemlos hervor. „Das wäre ja grandios.“

Joe hob verschmitzt die Schultern. „Ich darf noch kein offizielles Statement abgeben, das will der Boss später persönlich übernehmen. Aber seh es ganz einfach als Tipp an, dass ich dich vorwarne, dass wir dir heute Abend die Kohle aus der Hüfte leiern werden.“

Adam spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. „Unter den Umständen geb ich natürlich einen aus. Ich ruf nur noch kurz zu Hause an und sage Bescheid.“

Joe nickte zufrieden und verschwand.

Wieder allein in seinem Büro stieß Adam einen gedämpften Jubellaut aus. Wie lange hatte er auf diesen Moment hingearbeitet, hatte seine Prioritäten verschoben, war am Morgen als Erster gekommen und abends als Letzter gegangen. Und nun, vier Jahre später, sollte sich sein Ehrgeiz endlich auszahlen. Er zog sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts und wählte die Nummer seiner Frau. Als nach dem fünften Klingelton noch immer niemand dranging, schrieb er ihr kurzerhand eine WhatsApp-Nachricht.

Hi Schatz, komme heute zwar später, dafür aber mit einer Wahnsinnsneuigkeit im Gepäck nach Hause. Lässt du mir etwas von deiner Lasagne übrig?“ Er überflog seinen Text noch mal, dann klickte er auf Senden.

Keine Minute später hatte er die Antwort. „Bin mit Jody im Pflegeheim, konnte deswegen nicht drangehen. Was für ’ne Neuigkeit? Ist es das, was ich denke? Und wie kommst du auf die Idee, dass es heute Lasagne gibt?“

Er grinste und tippte: „Wehe, wenn nicht. Richte deiner Mutter Grüße von mir aus. Bis später, ich liebe dich.“ Nachdem er das Smartphone wieder in seiner Jackentasche verstaut hatte, brachte er seinen Schreibtisch in Ordnung und trat aus dem Büro. Als Joe ihn sah, tippte er ungeduldig auf seine Uhr. „Jetzt aber im Schweinsgalopp, mein Alter. Ich hör ihn nämlich schon rufen …“

Adam lachte. „Echt? Dein Drink ruft nach dir? Dann lass uns mal lieber einen Zahn zulegen, bevor der noch ’ne Vermisstenanzeige aufgibt.“

Drei Stunden später musste Adam der Tatsache ins Auge blicken, dass er viel zu angetrunken war, um seinen Wagen aus der engen Tiefgarage der Firma zu manövrieren und damit noch bis nach Newhaven rauszufahren. Er seufzte und sah Joe an. „Ich lass meine Karre lieber stehen. Außerdem sollte ich mich langsam auf die Socken machen, wenn ich den Zug noch erwischen will. Der nächste in Richtung Brighton geht erst in zweieinhalb Stunden. Und von dort aus sind es noch mal vierzig Minuten mit dem Bus.“

Joe sah Adam schief an. Sein Kollege hatte es geschafft, sich innerhalb kürzester Zeit so viele Drinks hinter die Binde zu kippen, dass er kaum noch gerade stehen konnte. Doch im Gegensatz zu ihm hatte Joe gerade mal zwanzig Minuten Fußweg bis zu seiner Wohnung. Und keine Ehefrau, die auf ihn wartete und ihn rügte, weil er zu viel getrunken hatte.

Adam winkte der Bedienung und beglich die mehr als stolze Rechnung. Anschließend faltete er das Papier säuberlich zusammen und verstaute es in seinem Portemonnaie, um es zu Hause zu den Steuerunterlagen legen zu können.

Er wollte gerade aufstehen und sich verabschieden, als sein Smartphone zu pfeifen begann. Er zog das Gerät aus der Tasche und warf einen Blick aufs Display. Plötzlich erstarrte er.

Du siehst gut aus“, las er und blickte sich schnell um. Was sollte das?

Wo bist du?“, schrieb er zurück. „Und was willst du? Wir waren uns doch einig, dass wir einander in Frieden lassen.“

Die Antwort folgte innerhalb von Sekunden.

Wir sollen uns einig gewesen sein? Ich denke eher, dass das deiner Vorstellung von dieser Sache entspricht.“

Adam spürte, wie die Ader an seiner Schläfe anschwoll. Eine Migräne schien sich anzukündigen.

Können wir ein andermal plaudern?“, tippte er. „Ich bin nicht gut drauf heute, will einfach nur nach Hause.“

Einen Moment lang blieb das Handy still, nur um kurz darauf mehrere Nachrichten hintereinander anzukündigen.

Ich muss dich sehen.“

Sofort.“

Es ist wichtig.“

Enttäusche mich bitte nicht.“

Adam klickte sich durch die Nachrichten und seufzte. Ein Jahr lang hatte er jetzt Ruhe gehabt. Ein Jahr, währenddessen er diese leidige Sache beinahe hatte vergessen können. Bis heute.

Was willst du?“, schrieb er erneut und wartete ab.

Reden“, kam es nur eine Sekunde später zurück.

Worüber?“

Über uns natürlich.“

ES GIBT KEIN UNS!!!“, antwortete er und stöhnte genervt. „Das gab es nie“, setzte er noch hinterher. Woher zum Teufel hatte diese Person überhaupt seine neue Nummer? Jetzt musste er schon wieder einen Wechsel veranlassen. Am besten wäre es, wenn er das Handy heute im Geschäft liegen ließe und seiner Frau gegenüber behauptete, es verloren zu haben. Gleich morgen würde er sich dann um Ersatz kümmern. Er stand auf, sah Joe an. „Wir sehen uns morgen.“

Alles okay bei dir?“, wollte sein Kollege wissen.

Adam nickte und verzog das Gesicht. „Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Frau.“ Er grinste und gab ihm die Hand. „Mach nicht mehr so lange.“

Joe grinste. „Ich hab grad noch mal Nachschub geordert. Danach geh ich in die Koje. Morgen wird anstrengend.“

Auf dem Weg nach draußen verkündete ein Piepton den Eingang einer weiteren Nachricht. Adam warf einen Blick darauf und spürte, wie ihm auf einen Schlag eiskalt wurde. „Bist du wirklich sicher, dass du mich nicht sehen willst?“, stand in dem kleinen Nachrichtenfeld. „Ich meine, vielleicht bereust du es später …“

Die Ader an seiner linken Schläfe begann zu pochen. Sollte das eine Drohung sein? Was bildete diese Person sich überhaupt ein? Er verkniff sich eine Antwort und steckte das Handy in seine Tasche zurück. Dann klappte er den Kragen seiner Jacke nach oben und lief die Straße entlang zur nächsten U-Bahn-Haltestelle. Er blickte auf seine Armbanduhr und hätte am liebsten geschrien. Anstatt gleich zum Zug musste er jetzt erst noch in die Firma fahren, um sein Handy loszuwerden. Somit war nun auch die letzte Chance vertan, noch vor Mitternacht nach Hause zu kommen. Er seufzte und fragte sich, wie Imogen wohl reagieren würde. Ihre Ehe stand seit seinem … Ausrutscher auf der Kippe, daran hatte auch die Geburt seiner Tochter nicht viel ändern können. Klar, seine Frau hatte immer wieder beteuert, dass sie ihm über kurz oder lang vergeben könne, dass sie nie wieder darüber sprechen würden, doch jede Abweichung vom normalen Alltag versetzte sie zwangsläufig in Aufruhr. Und jetzt konnte er ihr nicht einmal mehr eine Nachricht schicken, weil er ja behaupten wollte, dass er sein Handy bei Leadenhall im Gedränge verloren habe.

Er legte einen Zahn zu, rannte die Stufen zur Piccadilly Line hinunter. Auf dem Bahnsteig angekommen, zog er das Handy aus der Tasche und las die letzte Nachricht von vorhin noch einmal.

Ich meine, vielleicht bereust du es später …“

Das war eindeutig als Drohung zu verstehen und mit so etwas war sie bei ihm an der falschen Adresse. „Du hast recht“, schrieb er in Windeseile. „Ich bereue, dass wir einander überhaupt begegnet sind. Das ist es, was ich am liebsten ungeschehen machen würde.“

Nach einem kurzen Augenblick des Zögerns drückte er auf Senden. Ein Piepton ganz in seiner Nähe ließ ihn zusammenzucken, doch als er sich umdrehte, sah er in der Menge hinter sich nur einen jungen Mann mit unbeteiligter Miene auf seinem Smartphone herumdrücken. Adam ignorierte den Eingang einer weiteren Nachricht und steckte das Gerät ein, als das Dröhnen der herandonnernden U-Bahn lauter wurde. Er trat einen Schritt vor, wollte sich unter keinen Umständen von der drückenden Menge nach hinten drängen lassen. Er musste einfach in diese Bahn hineinkommen, koste es, was es wolle, dann hätte er vielleicht doch noch eine Chance …

Plötzlich spürte Adam einen harten Stoß im Rücken. Er wankte vorwärts, versuchte dabei panisch, das Gleichgewicht zu halten, trat jedoch ins Leere.

Dann ein helles Kreischen, das unerträglich laut wurde sowie gellende Schreie, die sich in sein Bewusstsein fraßen und das Letzte sein sollten, das er jemals hörte.

Meine geliebte Imogen … dachte er noch, bevor er von einer Welle aus Schmerz verzerrt und ins Nichts mitgerissen wurde.

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