So bitter die Schuld

So bitter die Schuld – Kapitel 4

Hier kommt ein weiteres Kapitel auf meinem Thriller „So bitter die Schuld“, der am 20. August erscheinen wird. Viel Spaß 🙂

Mit einem Lederschwamm wischte er schon zum zweiten Mal ein Sichtfenster in die beschlagene Windschutzscheibe. Noch immer knutschte das junge Pärchen unter dem Vordach des Nachbarhauses. Die Hand tief in ihrer Bluse vergraben, drückte der Kerl die junge Frau gegen die Hauswand, während sie sich an seinem Nacken festkrallte. Es hatte nicht den Anschein, als wollten sie so schnell verschwinden. Nicht mehr lange, dann würden die Menschen mit dem ersten Licht des Tages durch die Straßen zu ihren Arbeitsplätzen hetzen. Dann war die Gelegenheit vorüber und er musste sich zurück auf den Heimweg machen.
Mit der verdammten Leiche in seinem Kofferraum.
Er hoffte inständig, dass es nicht so weit kam. Obwohl er sich nicht als sonderlich nervösen Menschen bezeichnen würde, war bereits der Hinweg die reinste Höllenfahrt gewesen. Bei jedem Auto, das an ihm vorübergefahren war, hatte er das Gefühl gehabt, es müsse sich dabei um ein ziviles Fahrzeug der Polizei handeln. Der Weg durch Frankfurt hatte sich gezogen und die Vorstellung, die gleiche Strecke im morgendlichen Berufsverkehr noch einmal zu bewältigen, brachte seine Hände zum Zittern.
Plötzlich sprang in der Hofeinfahrt neben den Knutschenden das Licht an und riss das Pärchen aus seiner innigen Umarmung. Die Frau hob den Kopf, wand sich aus den Armen ihres Verehrers und blickte sich um. Er fühlte sich hier auf dem Fahrersitz wie auf dem Präsentierteller und rutschte etwas tiefer in seinen Sitz. Er konnte nur hoffen, dass die Straßenlaternen so hell waren, dass die Scheiben sich von außen spiegelten und man ihn so nicht sehen konnte. Abgelenkt von dem Licht schaute aber keiner der beiden direkt in seine Richtung.
Müde rieb er sich über die Augen und beobachtete angespannt die Hofeinfahrt zu seiner Rechten. Ein weiteres Licht an der vorderen Hauswand sprang an. Anscheinend kam jemand durch den Hinterhof und hatte den Bewegungsmelder in der Einfahrt aktiviert. Nur kurze Zeit später trat sie aus dem Hoftor. Er hatte nur Bilder von ihr gesehen, doch an ihrem blonden Lockenkopf erkannte er sie sofort. Mit hochgeklapptem Kragen, die Hände in den Jackentaschen vergraben, kam sie aus der Einfahrt. Ein kleiner weißer Hund huschte schwanzwedelnd vor ihr her.
Jetzt war er dem Liebespaar dankbar, dass es sich ordentlich Zeit gelassen und die Hauswand zu seinem Bett auserkoren hatte. Nur wegen dessen beschissener Unersättlichkeit saß er noch hier und wartete auf die Gelegenheit, die Leiche endlich loszuwerden. Nicht auszudenken, wenn sie ihn beim Ablegen seiner Botschaft erwischt hätte.
Er grinste in sich hinein. Manchmal gehörte eben auch ein wenig Glück zu Unternehmungen wie dieser.
Der Hund stürmte in Richtung Straße, doch die junge Frau zog ihn zurück und blieb stehen. Hatte sie ihn entdeckt? Einen Moment hatte er das Gefühl, dass sie genau in seine Richtung schaute. Er hielt den Atem an. Doch sie drehte sich zu dem Pärchen und sagte etwas zu den beiden. Kurz darauf löste sich der Mann endgültig von seiner Partnerin und sie verschwanden händchenhaltend die Straße entlang.
Der Hund und sein Frauchen hingegen überquerten die Straße und gingen in den Park auf der gegenüberliegenden Seite. Nachdem sie in der Dunkelheit verschwunden waren, stieß er die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte, und schaute auf die Uhr. Zehn nach vier. Eine viel bessere Gelegenheit konnte es gar nicht geben. Er musste die Szenerie nicht mal extra arrangieren. Was konnte für eine Frau schlimmer sein, als am frühen Morgen eine Leiche vor ihrer Tür zu finden?
Er riskierte noch einen schnellen Blick in Richtung Park und stieß dann ohne weiteres Zögern die Autotür auf. Feuchtigkeit hing in der Luft. Dank ihr mutete der Mai eher wie ein trüber Herbstmorgen an. Vergessen waren die warmen, fast frühsommerlichen Temperaturen des vergangenen Nachmittags. Mussten wohl die Eisheiligen sein.
Eilig spurtete er zum Kofferraum. Ungeschickt hob er das blutige Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war, aus dem Laderaum. Dabei verlor er einen der Schuhe, der bis eben noch lose an den baumelnden Füßen des Toten gesteckt hatte. Er warf einen prüfenden Blick über die Schulter. Die Fenster in der Straße waren alle dunkel. Dann stürmte er zur Hofeinfahrt und warf die Leiche auf den Boden. Dort versetzte er dem Toten noch einen Tritt und war kaum eine Minute später zurück im Auto.
Außer Atem blickte er sich um. Niemand zu sehen. Aus dem Park kam ein entferntes Bellen. Ausgezeichnet. Ein euphorisches Lachen stieg seine Kehle hinauf, als er den Motor anließ. Das Adrenalin in seinen Adern brachte sein Herz zum Rasen. Zu schade, dass er sie nicht dabei beobachten konnte, wie sie ihren guten alten Freund fand. Zu gerne hätte er ihr Gesicht gesehen. Vielleicht konnte er riskieren, sie wenigstens aus einiger Entfernung im Auge zu behalten. Nur, um sicherzugehen, dass sie ihr Geschenk nicht übersah. Auch wenn er auf den Gesichtsausdruck verzichten musste.
Ja verdammt, das würde er sich nicht nehmen lassen, egal, wie der ursprüngliche Plan gewesen war. Von dem war er ohnehin längst abgewichen. Er legte den Rückwärtsgang ein, lenkte den Wagen aus der Parklücke und zu der Querstraße hinter ihm, wo er neben den parkenden Autos in zweiter Reihe anhielt. Den Motor ließ er laufen, damit er direkt losfahren konnte, sobald sie die Leiche entdeckt hatte.
Nervös zündete er sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch. Mit jedem Zug fiel die Anspannung etwas mehr von ihm ab. Er kicherte los wie ein kleines Mädchen. Gut, dass ihn niemand hören konnte.
Plötzlich erregte eine Bewegung seine Aufmerksamkeit. Da war sie. Stand am Rande des Parks und starrte in die Richtung der Hofeinfahrt. Bestimmt hatte sie den Toten schon entdeckt. Aber hatte sie bereits erkannt, worum es sich handelte? Mit den Händen umklammerte er das Lenkrad, behielt den Rauch in seiner Lunge. Jetzt überquerte sie die Straße. Der Köter lief schwanzwedelnd neben ihr her. Dann blieben beide stehen. Als die Blonde sich nach unten beugte, um das Bündel vor ihrer Einfahrt genauer zu betrachten, drückte er aufs Gas und verschwand in der Seitenstraße.

Bewertung: 5.0. From 1 vote.
Please wait...

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar

© 2016 Johannes Zum Winkel Kreativberatung