SternRegen - Das Volk der Bo'othi Novelle

SternRegen – Das Volk der Bo’othi

E-Novella von Mona Silver

Das Buch

„Wird es so enden?“, fragte sie leise. „Wirst du mich töten, um dich selbst zu retten?“

Eine mittelalterliche Burg soll der neue Regierungssitz des Seelenvolkes der Bo’othi werden. Noch bevor Architekt Darius Jasnov mit der Restaurierung beginnen kann, entdeckt Antonia Sommer seine übernatürlichen Fähigkeiten. Fasziniert von seinen goldenen Sternenaugen, folgt sie ihm heimlich in den Wald. Als sie dort gemeinsam in eine lebensbedrohliche Situation geraten, fordert seine Alte Seele ein Opfer.

Darius muss sich entscheiden. Fernab vom rettenden Sternenlicht könnte Antonias Blut sein Ausweg sein, doch sie weckt ganz andere Gefühle in ihm.

Fantasy, Spannung und Romantik. Eine ganz neue Geschichte der Bo’othi-Reihe für Fans und alle, die die Magie der Bo’otha Sterne zum ersten Mal erleben möchten.

Zeitlich angesiedelt zwischen dem ersten Band „Verlorener Stern“ und dem in Kürze erscheinenden zweiten Band „Verlassener Stern“, entführt diese E-Novella einmal mehr in die geheime Welt des mystischen Seelenvolkes.

LESEPROBE

Kapitel 1

Die Energie riss und zerrte an jeder Zelle seines Körpers, als Darius sich in der Mitte des Burghofs materialisierte. Der baufällige Zugbrunnen und die halb verfallenen Burggebäude ringsum waren Zeugen einer längst vergangenen Zeit, an die er sich noch aus seiner Jugend erinnern konnte. In einer Burg wie dieser hatte er als junger Mann im heutigen Litauen gelebt und gearbeitet. Er musste bei dem Gedanken daran lächeln. Langsam wurde er wohl wirklich alt. Er klopfte sich ein paar Staubkörner von der Jacke und sah sich um. Das baufällige Herrenhaus bildete das Herzstück der Burganlage. Es war auf einer Insel erbaut, die umgeben von einem Ausläufer des Burgweihers über eine schmale Brücke zu erreichen war. Die Burganlage sollte das neue Domizil des Fürstenpaars der Bo’othi werden.

Dass er das noch erleben durfte. Als Darius vor einer Ewigkeit Philip kennengelernt hatte, wäre keinem von beiden je in den Sinn gekommen, dass dieser eines Tages das Oberhaupt ihres Volkes sein würde.

Darius überquerte die Brücke, die unter seinen Schritten gefährlich knarzte. Er war erschöpft von der weiten Reise, große Entfernungen kosteten viel Energie, fühlte sich schmutzig und verschwitzt, aber er freute sich auf seinen alten Freund und darauf, endlich auch dessen Frau, die Fürstin, kennenzulernen. Als er die bröckelige Treppe hinaufging, die ins Herrenhaus führte, stand die Sonne bereits tief am Horizont. Eine ausgiebige Dusche und ein Spaziergang im nahegelegenen Wald würden ihm helfen, neue Energie zu tanken. Und dann könnten sie die Aufgabe angehen, aus dieser abgewrackten Ruine einen ansehnlichen Regierungssitz zu machen.

„Darius! Alter Freund!“ Es war Philip, der ihn zuerst gesehen hatte und die wenig repräsentative Treppe im dunklen Treppenhaus hinabgesprungen kam, um ihn zu begrüßen. Stürmisch umarmten die beiden Männer sich und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.

„Philip! Gut, dich zu sehen. Aber sag mir, was hat dich dazu bewogen, dir diese Ruine zuzulegen?“ Er deutete auf die Löcher im Dachstuhl, durch die ein staubiger Winkel neben der Treppe vom scheidenden Tageslicht beleuchtet wurde.

„Das Wissen, dass du daraus etwas machen wirst, das einem Fürstensitz gerecht wird, mein Lieber!“ Philip lachte. „Warum sonst bin ich mit dem erfahrensten Architekten befreundet, den die Branche kennt? Komm, lass uns in den Salon gehen. Du wirst durstig sein nach der langen Reise.“ Darius folgte ihm in einen großen Raum hinter einer unscheinbaren Holztür, in dem die einzige Möblierung aus einem altersschwachen Kamin bestand, dessen gemauerter Mantel, wie es schien, nur noch von den vielen Spinnweben zusammengehalten wurde, die ihn überzogen.

„Nett hier“, lachte Darius und nahm dankend das Glas Wasser entgegen, das Philip ihm reichte.

„Wie stehen die Aktien in Bangkok?“, fragte der Fürst und beobachtete Darius, der sein Glas an die Lippen hob.

„Ach weißt du“, begann der und nahm einen großen Schluck, um die trockene Kehle zu befeuchten. Was er gerade noch hatte sagen wollen, trat in den Hintergrund. Im ersten Moment wäre ihm das Brennen auf der Zunge fast entgangen, doch als die scharfe Flüssigkeit seinen Hals hinabfloss, bemühte er sich, durch die Nase zu atmen und sich nichts anmerken zu lassen. Verdammt, wie oft war er darauf schon hereingefallen? Sämtliche äußeren Reaktionen unterdrückend, verriet ihn einzig das Schnaufen, das ihm unwillkürlich entfuhr.

Philip brach in schallendes Gelächter aus.

„Du fällst immer noch auf denselben alten Trick herein.“ Er lachte mit einem spitzbübischen Flackern in den Augen.

Darius grinste, setzte an und leerte das Glas Wodka in einem Zug. Dann warf er es mit weit ausholender Geste in den Kamin, wo es in tausend Scherben zersprang. „Du kannst einen Mann meiner Abstammung nicht mit Wodka schrecken, wann lernst du es endlich, Philip?“

Noch während sie beide über den Streich lachten, den sie sich seit über hundert Jahren gegenseitig immer wieder gespielt hatten, betrat Philips Frau Victoria den Raum.

„Herzlich willkommen in Deutschland“, begrüßte sie den Gast und reichte ihm eine Hand, die er ergriff und einen galanten Handkuss darauf hauchte.

„Ich danke Euch, Fürstin. Es ist mir eine Ehre, Euch endlich kennenzulernen.“

Victoria lachte auf. „Oh bitte“, sagte sie, „nennen Sie mich Victoria. Wir sind doch praktisch eine Familie.“

„Sehr gerne, Victoria“, erwiderte er mit einem Nicken, das schon fast einer Verbeugung gleichkam und gab ihre Hand frei. „Philip, ich muss schon sagen, ich kann verstehen, dass du das Singleleben aufgegeben hast.“

Philip lächelte seine Frau liebevoll an. „Ich habe nichts aufgegeben“, erwiderte er, „ich habe nur hinzugewonnen.“

Der Blick, den sich das Paar zuwarf, zeugte von ihrer unerschütterlichen Liebe zueinander. Ihre Vertrautheit gab Darius einen winzigen Stich, als er an seine einzige große Liebe zurückdachte. Nur einmal in seinem langen Leben hatte er geglaubt, die Frau seines Herzens gefunden zu haben, doch die damaligen Standesdünkel verboten es ihnen, glücklich zu werden, und ihre Liebe endete tragisch. Nur wenig später hatte er sich für ein Leben als Bo′othi entschieden und sich geschworen, allein zu bleiben. Noch einmal wollte er sein Herz nicht reißen hören.

 

Kapitel 2

Frisch geduscht machte sich Darius am Abend zu einem Spaziergang auf, den er nicht nur dazu nutzen wollte, seinen Energiespeicher im Sternenlicht aufzufüllen, sondern auch, um sich mit der Umgebung vertraut zu machen. Er wollte ein Gefühl für dieses Gebiet in der Vulkaneifel Deutschlands bekommen, um die geplanten Renovierungsarbeiten von Stil und Ausmaß her der Umgebung anzupassen. Es war Ende September, die ersten Laubbäume fingen bereits an, sich zu verfärben und die Luft roch nach dem modrig-feuchten Waldboden, der die ausholenden Schritte unter ihm abfederte. Es war noch hell, als er losging, und er genoss die warme Herbstsonne, die hin und wieder durch die Bäume auf ihn hinab schien.

Er kletterte auf eine Anhöhe, die eine beeindruckende Aussicht auf eine kleine Ortschaft freigab, die sich inmitten von Feldern gelegen in die Landschaft einfügte. Als er sich abwandte, drang ein leises Weinen an seine empfindlichen Bo′othi-Ohren, das ihn aufhorchen ließ. Wurde es aus dem Ort zu ihm herangetragen? Prüfend betrachtete er die langen Gräser, die auf der Anhöhe im Wind wogten. Nein, der Ostwind wehte in die andere Richtung, aus dem Dorf konnten ihn keine Geräusche erreichen.

Er hob die Nase in den Wind und schnupperte, konnte Blut riechen, viel Blut. Wieder hörte er das leise Wimmern, diesmal war die Richtung, aus der es kam eindeutig. Ohne nachzudenken rannte er los, immer wieder kurz innehaltend und darauf lauschend, wo er hin musste.

Am Rande einer riesigen Tongrube, die jetzt am Wochenende stilllag, blieb er stehen. Schwere Lastwagen hatten mit ihren Reifen den Boden aufgerissen und tiefe Spuren hinterlassen, riesige Bagger standen in Gruben, die sie selbst ausgehoben hatten und warteten darauf, sich am nächsten Werktag weiter durch den Boden zu fressen. Der Geschmack von feuchtem Lehm legte sich auf Darius’ Zunge, doch auch der Geruch des Blutes war hier stärker als zuvor.

„Hilfe.“ Der Hilferuf war eher ein schwaches Seufzen, unterbrochen von dem Schluchzen einer Kinderstimme. Darius erkannte ein umgestürztes Fahrrad an einem der Kraterränder und rannte darauf zu.

„Hallo?“, rief er, um auf sich aufmerksam zu machen. „Wo bist du?“

„Hier. Ich bin hier!“ Ein Junge von vielleicht zehn Jahren lag am Fuße eines glitschigen Abhangs in der Grube. Schürfwunden an Beinen und Armen zeugten von seiner Schlitterpartie, die von einem kleinen Ladebagger gebremst worden war. Eine Spitze der auf dem Boden abgestellten Schaufel hatte sich in das Bein des Jungen gebohrt und ihm die linke Wade aufgeschlitzt. Der Boden ringsum das verletzte Bein war vom Blut dunkel verfärbt.

Darius dachte nicht lange nach und teleportierte sich neben den Jungen, der ihn mit schreckgeweiteten Augen anstarrte, als er so unvermittelt neben ihm auftauchte.

„Keine Angst“, flüsterte er und ließ seine goldenen Augen aufblitzen, um dem Knaben die Furcht zu nehmen. „Es wird alles gut.“

Unter Schluchzen und Nasehochziehen nickte der Kleine ihm vertrauensvoll zu.

„Wie heißt du, Junge?“, fragte er, um das Kind von seiner Misere abzulenken.

„Martin“, schniefte der Kleine und wischte sich mit zittriger Hand über die laufende Nase.

Der eisenartige Blutgeruch überdeckte alles, als Darius sich hinhockte und das Kinn des Jungen anhob, damit er ihm in die Augen sehen konnte. Er unterdrückte den Impuls, an der Wunde zu lecken. Das Blut hätte seinen Energiespeicher aufgefüllt, der nach der langen Reise fast leer war, seine Alte Seele drängte ihn dafür zu sorgen und an sich selbst zu denken. Doch Darius würde noch genug Zeit haben, seine Energie von den Sternen zu beziehen und ignorierte das innere Drängen.

„In Ordnung, Martin“, sagte er. „Du wirst mich jetzt ansehen. Hab keine Angst, egal was du siehst. Ich helfe dir.“

Martin gehorchte. Darius nutzte seine Energie, um die Wunde zu heilen. Das Leuchten seiner goldenen Augen erzeugte ein Flackern auf dem schreckensbleichen Gesicht des Jungen.

Die Wundränder verschlossen sich, zurück blieb lediglich ein kleiner Kratzer, mit dem Martin das verschmierte Blut an seiner zerrissenen Hose würde erklären können. Als er fertig war, half Darius dem Jungen auf die Beine und packte ihn bei den Schultern.

„Du vergisst, dass ich hier war“, begann er. „Du bist vom Fahrrad gefallen, den Abhang hinuntergerutscht und hast dir das Bein aufgeschürft. Es ist nicht schlimm und tut kaum weh. Du bist wieder hinaufgeklettert und heimgeradelt.“

Martin nickte wie ferngesteuert. Sein Gesicht war verschmiert von Tränen und Lehmspuren, seine Kleidung zerrissen und schmutzig, aber er war unverletzt. Beiläufig knibbelte er sich ein paar Lehmbrocken vom Bein und sah sich nach seinem Rad um. Darius teleportierte sich von ihm fort und blieb in einiger Entfernung stehen, um zu beobachten, ob der Junge tat, wie ihm geheißen.

Der kletterte den rutschigen Abhang hinauf und stieg aufs Rad. Ehe er losfahren konnte, tauchte eine junge Frau auf und stürzte auf ihn zu. Sie beugte sich zu ihm hinab und sah ihn prüfend an, sie sprachen miteinander. Dann fuhr sie ihm mit der Hand über die Wange, zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen war und sagte etwas. Der Junge nickte und flitzte mit seinem Rad los. Sie blieb stehen und sah sich suchend um.

Darius legte die Stirn in Falten. Warum ging sie nicht mit dem Jungen? Bevor er sich weiter darüber Gedanken machen konnte, ergriff ihn ein leichter Schwindel und er musste sich am Stamm des Baumes festhalten, der neben ihm in den Himmel ragte. Es wurde Zeit, dass es dunkel wurde und er die Sterne rufen konnte. Dem Jungen zu helfen, hatte ihn endgültig geschwächt, er brauchte dringend Energie. Darius wandte sich ab und folgte einem unsichtbaren Pfad durch die Dämmerung.

Ende der Leseprobe

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