Woelfe kuemmert nicht was Schafe denken

Wölfe kümmert nicht was Schafe denken

Kurztext

Ein brutaler Mord an einem Tierpräparator im US-Bundesstaat Wyoming. Sheriff Alvarado hat die dubiose Organisation IPF und deren Chef Lamar Lovejoy, einen gewissenlosen Immobilienhai, im Verdacht. Im Umkreis des geothermisch aktiven Yellowstone National Park schürt er Panik vor einem potenziellen Vulkanausbruch und bringt damit viele Menschen um Haus und Hof. Privatdetektiv Nick Malloy hilft Alvarado bei den Ermittlungen und stochert in Arizona und Kalifornien im kriminellen Sumpf, wobei er ins Fadenkreuz von IPF gerät und sich mit Identitätsklau, Cybermobbing und Anschlägen auf Leib und Leben auseinandersetzen muss. Eine dramatische Wendung nimmt der Fall, als Malloy in San Diego einen spektakulären Drogendeal von IPF aufklärt. Als Big Boss Lamar von einem Tag auf den anderen spurlos von der Bildfläche verschwindet, stehen seine Mitarbeiter wie auch Malloy und Alvarado vor einem Rätsel.

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Rätselhaft

»Wie kann sich ein Mensch nur so etwas antun?«

Minutenlang starrte Sheriff Sergio Alvarado auf den widerwärtigen Riesenfladen.

»Sieht aus, als habe ein Vampir an die Wand gekotzt«, fuhr es ihm durch den Kopf.

Vermutlich war der blutige, ekelhafte Schleim hinter Steve Dorey schon vor Tagen getrocknet, ein Wandgemälde des Grauens aus verkrusteten Haaren, rotzgelber Hirnmasse und Knochenteilchen, eine Horrorcollage aus allem, was einen menschlichen Schädel ausmacht. Innen wie außen. Alvarado schloss die Augen, verbarg das Gesicht einen Moment lang in den Handflächen. Ouvertüre für einen verdammten Scheißtag.

Wieder ein Tag, an dem er bereits zur Frühstückszeit die Schnauze gestrichen voll hatte. Eigentlich hatte er es pappsatt, sich um den Dreck und die Probleme anderer kümmern zu müssen, knietief im Sumpf menschlicher Niederungen zu waten, in jämmerlichen Geschichten und noch jämmerlicheren Lebensläufen herumzustochern, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Mörder, Amokläufer, Psychopathen, Gewohnheitsverbrecher, Wahnsinnige, Betrüger: Amerika, ach was, die ganze Welt war voll von solchen Irren. Wahrscheinlich würde er sich nie an diesen fiesen Bodensatz der Gesellschaft gewöhnen. Auch nicht nach 19 Jahren in Polizeiuniform. Denn Besserung? Eine Veränderung hin zum Besseren war nicht in Sicht.

Mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände massierte er sich die Schläfen. Der baumlange Kerl von der Spurensicherung im weißen Tyvek-Overall stand mit einem Metallkoffer in der Hand mitten im Zimmer. Entschlusslos wie ein zu spät gekommener Handelsvertreter, dem ein lukrativer Auftrag für Haarspangen, Gießkannen oder Fensterdichtungen durch die Lappen gegangen war. Von der Wand über dem Kamin stierte ein zwischen zwei Hirschgeweihen befestigter Bisonschädel mit trüben Glasaugen auf die beiden Männer. In einer Ecke tänzelte ein ausgestopfter Schwarzbär mit weit aufgerissenem Fang auf den Hinterbeinen, die Vordertatzen mit dolchspitzen Klauen zur Attacke gereckt. Dass Steve Dorey, der Wohnungsinhaber, Tierpräparator war, hätte seinem Heim sogar ein Blinder auf den ersten Blick angesehen. Auch als Rumpelkammer eines Naturkundemuseums wäre die unaufgeräumte Bude problemlos durchgegangen. Typisch Junggeselle, dachte Alvarado.

»Vor zwei, drei Tagen saßen wir noch in Lucille’s Cafe beieinander«, brabbelte er vor sich hin, obwohl ihm der Spurensicherer im Tyvek-Overall garantiert gar nicht zuhörte. »Steve war aufgedreht wie eine Spielzeugmaus, weil eine seiner beiden Töchter an der Uni ein blitzsauberes Zwischenexamen hingelegt hatte. Er schwadronierte über Pläne, na ja, verrückte Pläne, wollte aus der Ranch ein Aufzuchtzentrum für Lamas machen.

Hörbar zog Alvarado einen Schluck Luft durch die Nase.

»Er erzählte von der greisen Emily Wayne. Sie hatte ihn beauftragt, ihren abgekratzten weißen West Highland Terrier zu präparieren. Warum nimmt jemand einen geschäftlichen Auftrag an, schmiedet Pläne für die Zukunft und bringt sich ein paar Stunden später auf so gnadenlose Art und Weise um?«

Mit auf beiden Seiten der Lehnen herunterhängenden Armen hockte der Hausherr Steve Dorey zusammengesunken in einem abgewetzten Schaukelstuhl, als sei er ausgepowert von einem harten Arbeitstag für eine Weile eingenickt. Nicht ins Bild eines müden Malochers passte ein grober Holzschemel, der zwischen seinen in derben Schnürstiefeln steckenden Füßen stand. In der länglichen Grifföffnung klemmte der Kolben einer Remington 700, wie sie von vielen Jägern zur Jagd auf Rehwild benutzt wurde. Das Zielfernrohr war abgeschraubt und lag zwei Schritte neben dem Tatort auf dem Boden. Am Abzug der Waffe hing ein Stück Bindfaden, der um die Rückseite des Gewehrs bis in die schlaffe rechte Hand von Dorey führte. Die Mündung der Waffe zielte schräg nach oben, direkt auf seinen Kopf. Dahinter klebte sein an die Zimmerwand katapultierter Schädelinhalt. Alvarado schaute sich die Schweinerei näher an, als überprüfte er an seinem Auto einen Lackschaden. In der Mitte des Blutflecks wies die Holzwand eine Vertiefung auf. Man musste kein Fachmann in Sachen Mord und Totschlag sein, um in diesem Loch die letzte Kugel zu vermuten, die Dorey in die ewigen Jagdgründe katapultiert hatte.

Noch immer stand der Spurensicherer mit seinem Koffer in der Zimmermitte, ein mundfauler, mies gelaunter Kerl, der an allem etwas auszusetzen hatte: Am Wetter, an der Gesundheitsreform, an den Spritpreisen, an den Kindern seiner Nachbarn, am abendlichen Fernsehprogramm, eben an allem. Er machte ein paar Schritte auf den toten Dorey zu, der aufdringlich roch wie ein Prime Rib ein halbes Jahr nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums. Vorsichtig beugte er sich über die Schulter der Leiche, um den Hinterkopf des Toten besser sehen zu können.

»Gottverdammich! Dem fehlt ja die halbe Birne.«

Auch das schätzte Alvarado an seinem Job. Kollegen, die schon tausend Erschossene, Vergiftete, Erhängte, Erstochene oder auf andere Weise Massakrierte in der Mangel gehabt hatten, mittlerweile mit der Sensibilität von Mähdreschern ausgestattet waren und mit solchen Katastrophen umgingen wie mit einem eingerissenen Fingernagel. Er stand auf, stieß mit dem Fuß die Fliegentür auf und trat auf die Veranda hinaus. Über den Hof und eine dahinter liegende Wiese hinweg blickte er in die grüne Landschaft von Wyoming, in der in sanften Senken der Morgennebel wie aus dem Erdreich steigender Rauch hing. Auf der Balustrade hatte die vergangene Nacht dunkle Tauflecken hinterlassen.  In einer Ecke lagen neben einem offenen Werkzeugkasten eine Handsäge und ein gehobeltes Brett, das offenbar im Dielenboden ausgetauscht werden sollte.

»Dorey bastelt an seiner Veranda. Plötzlich fällt ihm ein, dass er sich umbringen könnte?«

Alvarado schlurfte in die Wohnstube zurück. Der Spurensicherer fingerte in seinem Koffer herum.

»Zieh‘ endlich eine Plane über den Toten. Bei dem Anblick kann einem ja die pure Galle hochkommen.«

Im Blockhaus herrschte Chaos wie in einer Studentenkommune. Häufchen von Büchern und Zeitschriften waren über den Fußboden verteilt wie bei der Inventur in einer Bibliothek. Der Spurensicherer fand kaum ein Plätzchen, um seinen Metallkoffer aufzuklappen. An der Wand neben dem Hoffenster klebten drei Merkzettel mit Terminen, einer für den Zahnarzt, einer für eine Autoinspektion und ein dritter, der mit einem dicken Filzstift übermalt worden war, anstatt ihn einfach abzureißen.

Dass Steve Dorey allein wohnte, war nicht zu übersehen. Seine fast 20 Jahre jüngere Frau Jennifer hatte sich vor zwei, drei Jahren mit einem Handelsvertreter abgesetzt. Ganz Meeteetse hatte sich darüber das Maul zerrissen. Außer von seinen zwei in Kalifornien studierenden Töchtern wusste Alvarado nichts über Familienmitglieder oder Verwandte. Blieb herausfinden, an welcher Universität die beiden Mädchen eingeschrieben waren, um sie vom schrecklichen Tod ihres Vaters zu unterrichten. Irgendwo im Haus müsste ja eine Adresse, ein Brief oder ein Telefonverzeichnis zu finden sein. Das Übliche eben.

In letzter Zeit hatte Alvarado beruflich mit dem Toten zu tun gehabt. Es gab offenbar Leute, die sich intensiv für dessen Ranch interessierten. Dorey hatte die Angebote rundum abgelehnt und noch vor wenigen Wochen mit Alvarado darüber gesprochen, weil er die Grundstücksofferten schon fast als Nötigung empfand.

Als er draußen ein Motorengeräusch hörte, blickte Alvarado durch das Wohnzimmerfenster. Ein ursprünglich roter Chevy Pickup, dem vermutlich eine Wäsche mit Essigreiniger ein milchiges Aussehen verliehen hatte, bog in den Hof ein und stoppte vor der Scheune. Alvarado huschte ein Lächeln über das Gesicht, als er Nick Malloy aussteigen sah.

»Hast du deine Karre hierher geschoben oder läuft sie noch auf einem Topf?« Alvarado applaudierte sich selbst für seinen Scherz.

»Verlässlichkeit ist keine Frage des Alters«, antwortete Malloy, als er dem Sheriff die Hand schüttelte. »Das merkt man ja auch an dir. Solange mich der 3,5-Liter-Sechs-Zylinder noch dahin bringt, wohin ich will, bleibe ich meinem Schlitten treu.«

»Wie hat eine Schnüffler wie du so schnell Wind von diesem Fall bekommen? Bist du an einem Auftrag dran?«

Malloy wackelte mit dem Kopf. »Nur Interesse. Kein Auftrag. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.«

Nick Malloy war ein gesprächiger, mittelgroßer Kerl in den Vierzigern. Sein unverwechselbares Erkennungszeichen: Westernklamotten. Alvarado konnte sich nicht erinnern, ihn jemals ohne Hut, schwarze Fransenjacke, Jeans und Cowboystiefel gesehen zu haben, seit sie sich vor ein paar Jahren kennen lernten. Wie er zu der Marotte mit der filmreifen Ausstattung gekommen war, blieb sein Geheimnis.

Eigenbrötlerei war nicht Malloys Sache. In jungen Jahren, als er sich mit kahl rasiertem Schädel ein martialisches Aussehen gab, legte er als Reporter beim Fernsehsender ABS eine rasante Karriere hin. Es gab keinen Kriegsschauplatz, auf dem er nicht herumgekrochen war, um aus Zivilisten, Söldnern und Soldaten spannende Geschichten und nützliche Informationen herauszukitzeln. Weder war er vom Krieg fasziniert noch übte die Gefahr eine magische Anziehungskraft auf ihn aus, wie bei Kriegsreportern häufig vermutet. Im Gegenteil. Auf die Idee, dass seine Berichterstattung viel bewirkte, wäre er nicht gekommen, so gut seine Storys auch waren. Betroffenen Menschen eine Stimme und der Gewalt ein Gesicht zu geben, war das, was er mit seiner Arbeit bezweckte. Nicht mehr und nicht weniger.

Bis er sich in der Piratenbastion Eyl in Somalia zwei Kugeln einfing. Ein Projektil durchschlug sein um die Hüften geschnalltes Erste-Hilfe-Kit und traf ihn so unglücklich in die rechte Gesäßbacke, dass er seit der Operation höchstens eine halbe Stunde auf einem Flecken sitzen konnte. Das zweite Geschoss zerschmetterte einen Schulterknochen und setzte ihn ein halbes Jahr lang außer Gefecht. ABS ließ ihn nach seiner Genesung noch eine Weile eine 15-Minuten-Sendung moderieren, in der er sehr persönlich über seine zum Teil haarsträubenden Auslandseinsätze berichtete. Dann versuchten die TV-Häuptlinge im Sender, ihn zunächst mit subtilen Mitteln, später mit üblem Mobbing von der Mattscheibe zu verdrängen. Wahrscheinlich spielte dabei auch eine Rolle, dass er sich zuweilen politisch unkorrekt, wenn nicht sogar rüpelhaft verhielt. In einem afghanischen Dorf haute er einem Bauern, der seine Frau bei der Feldarbeit mit Steinen bewarf, das Stativ seines Kameramanns über den Schädel. Bei einer Reportage in der Zentralafrikanischen Republik warf er einen Bauer in einen Bach, weil der seinen Sohn mit dem Deckel einer Konservendose beschneiden wollte. Zwei Beispiele für Malloys diplomatisches Fingerspitzengefühl.

Sein letzter Auftritt bei ABS machte ihn ein paar Tage lang zur nationalen Berühmtheit. »Mit aller Macht und unsäglichen Mitteln drängt man mich aus dieser Sendung, obwohl ich für ABS mehr als einmal den Kopf hingehalten und selbst meinen Arsch riskiert habe – im Sinne des Wortes. Rutscht mir den Buckel runter, ich kündige.«

Mitten in der Sendung stand er auf, winkte den verblüfften Technikleuten zu und fuhr nach Hause.

Sein unstetes, quecksilbriges Naturell blieb ihm auch als Ex-Reporter. Er legte sich einen Wohnwagen zu, organisierte im Bundesstaat Alabama, der für private Ermittler weder eine Lizenz noch eine entsprechende Ausbildung vorschrieb, die notwendigen Papiere und zog als selbst ernannter Aufklärer mit flexibler Arbeitszeit durchs Land, spürte entlaufene Teenager und Drohbriefschreiber auf, recherchierte in Erbschaftsangelegenheiten und verhinderte u.a. einen Sabotageanschlag auf eine texanische Ölraffinerie. Wenn er einen interessanten Auftrag angeboten bekam, nahm er ihn an oder ließ es bleiben.

Im Städtchen Cody im Bundesstaat Wyoming blieb Malloy hängen. An einem brüllend heißen Sommertag stellte er auf dem Old West Campground seinen klapprigen Caravan auf einer Parzelle im Schatten eines Ahornbaumes ab und verliebte sich noch am selben Tag unsterblich in die hübsche, disziplinlose, manchmal rotzfreche, notfalls ungehobelte und unschlagbar kecke Besitzerin Leah. Seit damals lebte und arbeitete der in seine Unabhängigkeit und Ungebundenheit schon immer verknallte Nick Malloy in seinem mobilen Heim nur einen Steinwurf abseits des Hauses seiner Angebeteten, nahe genug bei ihr und weit genug von ihr entfernt. Ladendiebe zu fangen, Sachbeschädigungen und Benzinklau an Tankstellen aufzuklären und Zechpreller dingfest zu machen betrachtete er im Grunde genommen als Beschäftigungstherapie, mit der er seinem Freund Alvarado unter die Arme greifen konnte. Ein von seinem Adoptivvater geerbtes stattliches Aktien- und Fondspaket machte ihn zusammen mit nicht unerheblichen Ersparnissen aus seiner aktiven TV-Zeit unabhängig von den meist läppischen Honoraren seiner Auftraggeber.

Alvarado kratzte sich an seinem über die Jahre leicht angeschwollenen Tortilla- und Bohnenbauch und schilderte kurz den Sachverhalt. Dann führte er Malloy in den Raum, wo der tote Steve Dorey wie ein ramponiertes Arbeiterdenkmal in seinem Sessel hing. Der missmutige Spurensicherer hatte mittlerweile die Gesellschaft eines jungen Kollegen bekommen. Beide krochen in ihren Schutzanzügen auf allen Vieren auf dem Boden herum wie Haustiere auf der Suche nach etwas Fressbarem.

Auf der anderen Seite des Hofs stand die Tür zur Scheune offen. Alvarado und Malloy knipsten das Licht an. Doreys Arbeitsatelier war ein Zoo toter, präparierter Tiere. Ein an einem Baumstamm schnüffelnder Kojote, ein pinselohriger Luchs im Winterfell, zwei Dickhornschafe mit braunen, aus dem Jenseits blickenden Augen, ein riesiger Elch, dessen gewaltige Schaufeln in einer Ecke lehnten und auf die Endmontage warteten, ganze Haufen unterschiedlicher Geweihe, unbearbeitete Schaumstoffteile in Gestalt unterschiedlicher Tierarten noch ohne Fell- und Pelzkleidung. Auf dem Arbeitstisch lag ein skelettierter, ausgekochter Tierkopf. Das in beißend riechendem Spiritus eingelegte weiße Fell ließ keinen Zweifel daran, dass es vor einigen Wochen noch Emily Waynes Liebling gewärmt hatte.

Als die beiden Männer aus dem Schuppen traten, bauten die beiden Spurensicherer im Hof eine seltsame Versuchsanordnung auf. Sie hatten den Schemel mit der aufgesteckten Jagdwaffe ins Freie getragen und auf einen ebenen Untergrund gestellt, um zu beweisen, dass der Rückstoß des auf diese Weise abgefeuerten Gewehres den Hocker auf jeden Fall umwerfen würde. Mit einem Stock betätigten sie den Abzug, und noch bevor der Knall von den im Osten ansteigenden Bergen widerhallte, lag der Schemel samt Waffe umgestürzt auf der Seite.

Der Sheriff nickte. »War mir klar, dass er sich so nie hätte umbringen können. Jemand hat nachgeholfen. Das ist Beweis genug. Gut gemacht, Leute.«

Er winkte Malloy, der sich auf der Ranch noch umsehen wollte, und machte sich auf den Weg zurück in das 30 Meilen entfernte Cody, wo im Verwaltungszentrum des Park County sein Schreibtisch stand. Eile war nicht angesagt. Er mochte es, gemächlich an den zum Teil halb verfallenen Westernfassaden von Meeteetse vorbei zu zuckeln, den Greybull River zu überqueren und durch den schmalen, grünen Streifen mit Wiesen und Weiden zu rollen, der sich am Fluss entlang durch die grauen Hügel zog. Ab und zu ein Gehöft, rote Scheunen wie zufällige Farbkleckse in der Landschaft. Eine Landschaft wie gemacht zum Nachdenken.

Die ersten Häuser von Cody kamen in Sicht. In wenigen Wochen würden die Einwohner des Landkreises wieder über ihn und seinen Job abstimmen. Überall in den Straßen hingen an Zäunen, Hauswänden und Laternenmasten die Wahlplakate mit seinem Konterfei. Auf dem für ihn als Dienststellenleiter reservierten Parkplatz vor dem Sheriff’s Office stellte er seinen Wagen ab, blieb noch ein paar Augenblicke sitzen, um nachzudenken. Hatte Steve Doreys Tod vielleicht doch etwas mit dem Streit zu tun, den er wegen seiner Ranch mit ein paar Leuten austrug? Über Funk meldete er sich in seinem nur einen Steinwurf entfernten Büro.

»Ich habe noch eine Weile in Meeteetse zu tun«, schwindelte er. »Ist Walter da? Gib ihn mir mal.«

»Augenblick, Sheriff, er steht gerade neben mir.«

„Hallo Chef. Was liegt an?“ meldete sich der Deputy.

»Bist du beschäftigt?«

»Natürlich, Sheriff, ich gehe gerade zwei Anzeigen wegen nächtlicher Ruhestörung durch.«

»Finde heraus, ob es im County in letzter Zeit Probleme mit Grundstücksgeschäften gab, ungebetene Kaufangebote, Einschüchterungen, Erpressungsversuche oder Ähnliches. Verschiebe deinen Mittagsschlaf und mach‘ dich sofort an die Arbeit!«

»Schade«, lästerte Walter, »ich habe eben erst meine Matratze ausgerollt.«

Alvarado schloss seinen Chevrolet Impala ab, sprang mit drei Schritten die Stufen vor dem Backsteingebäude hoch und stand schon im Office, noch bevor Walter den Kalender aus der Hand legen konnte, in dem er zusammen mit dem Dispatcher knackige Bikinischönheiten studierte.

»Erwischt, ihr Pfeifen!«, triumphierte er. »Ihr glaubt wohl, man bezahlt euch fürs Nichtstun. Los, ran an die Arbeit.«

Doreys kürzlich geäußerte Beschwerde über die impertinenten Interessenten an seiner Ranch war im Augenblick der einzige Hinweis auf ein mögliches Mordmotiv. Sonst keinerlei Ungereimtheiten. Die polizeilichen Unterlagen über krumme Immobiliengeschäfte im Landkreis erwiesen sich als wenig ergiebig. Bis auf eine Ausnahme. Ein gewisser Henry Fremont hatte sein Anwesen samt Reitstall an eine Investorengruppe verkauft, die den vereinbarten Zahlungstermin nicht einhielt. Fremont witterte betrügerische Absichten und informierte das Sheriff’s Office. Einige Tage später zog er die Anzeige zurück, nachdem die vereinbarte Summe überwiesen worden war. Trotzdem wollte Alvarado diesem Fremont im Städtchen Powell einen Besuch abstatten, was sich am Ende aber als falsche Fährte herausstellte.

Auf der Rückfahrt nach Cody riss ihn das Funkgerät aus seinen Gedanken.

»Sheriff, wir haben im Fall Dorey einen Verdächtigen. Bin bereits auf der Fahrt ins Office. Wir treffen uns dort«, brüllte der Deputy überschwänglich.

»Keine schlechte Werbung«, dachte Alvarado, als er die Straßenkreuzung in Ralston passierte. Die State Road 294 mündet an einer Stelle in den Highway 14, wo eine Werbefläche so groß wie eine Kinoleinwand mit seinen Wahlplakaten beklebt war. Ein Mord, nach zwei Tagen aufgeklärt! Mindestens eine Sprosse höher auf der Karriereleiter.

Verdächtig gemacht hatte sich ein Wohnsitzloser. Ein in Meeteetse praktizierender Landarzt hatte den Kerl dabei erwischt, wie er in seinen Garten pinkelte. Ein Wort gab das andere. Schließlich artete der Zoff in ein Handgemenge aus, bei dem der Pinkler dem Mediziner so gegen das Schienbein trat, dass der eine stark blutende Platzwunde davontrug. Der alarmierte Ortspolizist handelte sich eine Ohrfeige ein, als er den tobenden Tippelbruder vom Grundstück des Arztes bugsieren wollte, legte dem Kerl schließlich Handschellen an und nahm ihn mit auf die Polizeistation. Bei einer ersten Befragung stellte sich heraus, dass der Festgenommene weder einen Führerschein noch sonstige Ausweispapiere besaß. In einer Tasche trug er ein ausgestopftes Eichhörnchen mit sich, auf dessen Hinterteil ein Herkunftsetikett auf den Tierpräparator Steve Dorey verwies. Von dieser Erkenntnis bis zu einem Telefonanruf im Sheriff’s Office in Cody war es nicht weit.

Alvarado musterte den vor ihm sitzenden Obdachlosen wie ein Porträtgemälde in einer Kunstgalerie. Ca. 35 bis 40 Jahre alt, die ungepflegte Gesamterscheinung bereits einkalkuliert, strähniges, die Ohren bedeckendes Haar, dünne Augenbrauen, ständig auf den Boden gerichteter Blick, eingedellter Nasenrücken als vermutliches Resultat einer handfesten Meinungsverschiedenheit, in den Ärmeln seiner Jacke versteckte Hände. Er behauptete, Pawel Kaczmarek zu heißen und aus Pensacola in Florida zu stammen. Zufällig sei er vor einigen Tagen in Meeteetse auf das Anwesen von Steve Dorey gelangt, nachdem er in der Nähe in einem Waldstück die Nacht in einem Holzfällerschuppen verbracht hatte. Der Tierpräparator habe ihm eine Tüte Chips, eine Flasche Rotwein und das ausgestopfte Eichhörnchen geschenkt. Beim Abschied von der Ranch sei der quicklebendig Hausherr in einem Schuppen damit beschäftigt gewesen, einer weißen Hundeleiche das Fell über die Ohren zu ziehen.

»Du – bist – Hauptverdächtiger – in – einem – Mordfall!«.

Alvarado legte nach jedem Wort eine kleine Pause ein, um seiner Feststellung Gewicht zu verleihen.

»Wenn wir dir deine Schuld nachweisen können, endet deine Freiheit für Jahre. Dann hat das Herumstromern ein Ende. Gefängniszellen sind eng und unbequem, und den Himmel kannst du nur noch durch einen Fensterspalt erkennen. Auf Jahre hinaus. Ist das bei dir angekommen?«

Die salbungsvolle Predigt des Sheriffs zeigte Wirkung. Pawel sank immer mehr in sich zusammen, bis Alvarado nur noch ein Häufchen Elend gegenüber hockte. Verschüchtert schwor er Stein und Bein, dem Tierpräparator kein Haar gekrümmt zu haben. Im Laufe der Vernehmung gab er aber zu, vor einigen Monaten seine Ausweispapiere in der Hauptstadt Cheyenne für 50 Dollar an einen Unbekannten versilbert zu haben.

Nach ein paar Tagen erhielt Alvarado aus Cheyenne die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchungen im Fall Dorey. Der Todeszeitpunkt des Präparators ließ sich ziemlich genau bestimmen. Unter den Fingernägeln seiner rechten Hand hafteten Hautreste, die nicht von ihm selbst, sondern von einer fremden Person stammten. Außerdem vermerkte der Bericht, dass seltsamerweise nirgends auf dem Anwesen persönliche Papiere des Hausherrn gefunden wurden, aber sein Schreibtisch Brecheisenspuren aufwies.

Alvarado wunderte sich. Vor einigen Wochen hatte ihm Steve Dorey ziemlich säuerlich erzählt, dass er auf der Gemeindebehörde einen neuen Pass mit biometrischen Daten und eine Passport Card im Scheckkartenformat beantragt hatte. Für eine beschleunigte Bearbeitung innerhalb von zwei bis drei Wochen verlangte der Sachbearbeiter zusätzlich 60 Dollar. Jetzt waren die Dokumente verschwunden.

Als Pawel Kaczmarek mit dem Zeitpunkt des Dorey-Mordes konfrontiert wurde, überlegte er zwei Becher Kaffee, drei Donuts und einen Kaugummi lang, wo er zur fraglichen Zeit gewesen war. Offenbar eine schwierige Aufgabe für einen Wohnsitzlosen mit vollem Terminkalender. Schließlich erinnerte er sich, gegen ein kleines Entgelt die mit Sperrmüll vollgemüllte Garage eines Supermarktes ausgeräumt zu haben. Der Marktleiter konnte sich an ihn erinnern und bestätigte sein hieb- und stichfestes Alibi. Alvarado fluchte, und der Deputy setzte Pawel an die frische Luft, weil der malträtierte Arzt in Meeteetse seine Anzeige mittlerweile zurückgezogen hatte. Ende vom Lied: Der Polizeiposten in Cody war seinen Hauptverdächtigen los.

Der Sheriff erinnerte sich, in jüngerer Vergangenheit mehrere Bagatellfälle auf den Tisch bekommen zu haben, bei denen es um gestohlene Führerscheine und private Unterlagen ging. Warum kauft jemand einem Landstreicher persönliche Papiere ab? Warum gab es in Doreys Haus, in dem nichts an Wertgegenständen geklaut worden war, keinen Führerschein und auch sonst nichts, was mit der Identität des Hausherrn zu tun hatte? Alvarado schwante etwas. Er setzte sich an seinen Computer, um im Internet einen Tatbestand zu recherchieren, von dem er zwar schon gehört, mit dem er es aber weder beruflich noch privat jemals zu tun gehabt hatte: Identitätsmissbrauch.

Die Suchmaschine überschlug sich fast vor lauter Mitteilungsbedürfnis. Das Phänomen war offensichtlich so verbreitet, dass es Tausende Online-Einträge gab. Während der Recherche stolperte er ständig über Fachbegriffe wie Wardriving, Keylogger und Pharming, mit denen er nichts anfangen konnte. Schnell wurde ihm zweierlei klar: Erstens musste er sich fachlich kompetente Unterstützung holen. Zweitens war zu vermuten, dass die Hintergründe des Mordfalls Steve Dorey am Ende über seine auf den Landkreis beschränkte Zuständigkeit weit hinausreichen würden.

Alvarado wusste sich zu helfen. Der Schnüffler Nick Malloy hatte ihm erzählt, dass einer seiner Schulfreunde Dienststellenleiter des FBI-Regionalbüros in Cheyenne war. Jedes Jahr traf er sich anlässlich der Cheyenne Frontier Days mit seinem alten Bekannten. Da das berühmte Rodeo unmittelbar bevorstand, hängte sich der Sheriff ans Telefon und rief Malloy auf dem Campingplatz an.

»Hallo Cowboy! Fährst du dieses Jahr wieder zum Rodeo nach Cheyenne?«, erkundigte er sich.

»Das Riesenfest habe ich in den letzten Jahren kein einziges Mal ausgelassen. Natürlich fahre ich hin«, jubelte Malloy.

»Du könntest mir einen Gefallen erweisen. Mach‘ dich doch mal bei deinem FBI-Freund über Identitätsmissbrauch schlau. Vermutlich hat der Fall Dorey damit zu tun.«

Malloy war einverstanden und machte sich drei Tage später auf den Weg. Seit mindestens drei Monaten war er aus der näheren Umgebung von Cody nicht mehr herausgekommen. Den Airstream ließ er bei Leah auf dem Platz stehen, weil während des Rodeos die Campingplätze in der Stadt ausgebucht waren und er deshalb immer auf ein Hotel auswich.

»Deine Betsy kocht offensichtlich gut«, lästerte Malloy, als er im Outlaw Saloon am Lincolnway in Cheyenne seinen Hut an einen Garderobehaken hängte und seinem alten Freund David Crook auf die Schulter klopfte. »Du bist aufgegangen wie ein Hefekuchen.«

»Das täuscht«, grinste sein Gegenüber, »bei der letzten Reinigung haben die Penner mein Outfit zu heiß gebadet.«

David waren die kriminellen Machenschaften, die mit Identitätsmissbrauch zusammenhingen, bestens bekannt. Seine Dienststelle hatte sogar eine eigens mit diesem Problem befasste Abteilung eingerichtet.

»Das Internet ist ein Kriegsschauplatz. Die meisten Leute ahnen nichts von Identitätsmissbrauch, solange sie nicht persönlich betroffen sind. Missbräuchliche Nutzung persönlicher Daten ist mittlerweile unser tägliches Brot. «

Malloy hob die Augenbrauen.

»Die Problematik wird von den meisten Leuten, ob geschädigt oder nicht, gewaltig unterschätzt«, fuhr David fort. »Es geht längst nicht mehr nur darum, dass ein Identitätsdieb deine Kreditkarten klaut, dein Konto plündert oder schädliche Software auf deinem Rechner installiert. Was im Grunde genommen schon schlimm genug sein kann. Ich kenne Fälle, in denen Leute auf Jahre hinaus ihre Kreditwürdigkeit einbüßten, für Verbrechen verantwortlich gemacht wurden, die sie nicht begangen hatten, in die Verschuldung oder durch Rufschädigung in den Freitod getrieben wurden. Identitätsmissbrauch und Identitätsklau sind keine Kinkerlitzchen.«

»Du hast ja bestimmt von dem mysteriösen Fall in Meeteetse erfahren«, vermutete Malloy, um die Sprache auf sein Anliegen zu bringen. »Der Sheriff geht offensichtlich aus gutem Grund davon aus, dass es sich um keinen Selbstmord des Tierpräparators handelt. Es gibt konkrete Hinweise, die auf einen Mord schließen lassen. Die ganze Angelegenheit könnte aber auch mit Identitätsklau zu tun haben. Im Haus des Ermordeten wurde kein einziges persönliches Dokument gefunden. Merkwürdig, oder?«

»Hat es auffällige finanzielle Transaktionen gegeben?«

»Sheriff Alvarado hat Doreys Konten überprüfen lassen. Nichts Verdächtiges. Worüber ich mir aber den Kopf zerbreche: Der Tote hatte geologische Landkarten mit markierten Parzellen herumliegen. Vielleicht besagen sie gar nichts.«

Malloy langte in seine Tasche und zog einen Pappköcher mit Plänen heraus, die ihm Alvarado mitgegeben hatte.

»Vielleicht kann einer deiner Leute einen Blick darauf werfen. Uns würde brennend interessieren, was die farblich schraffierten Flächen zu bedeuten haben.«

»Sieht aus wie ein Bebauungsplan«, vermutete David. »Das erinnert mich daran, dass wir seit Monaten einer undurchsichtigen Immobilienangelegenheit auf der Spur sind. In mehreren Bundesstaaten hat es in diesem Zusammenhang bislang sieben Tote gegeben, die wahrscheinlich auf die eine oder andere Weise mit der Sache zu tun hatten. Von den materiellen Schäden in dreistelliger Millionenhöhe ganz zu schweigen. Wir wissen noch nicht, wie die Einzelteile des Puzzles zusammenpassen und was dahinter steckt. Aber wir vermuten einen heimtückischen Masterplan und eine abgefeimte Organisation hinter der Sache.«

Das FBI in Cheyenne ließ sich Zeit mit den Untersuchungen.

»Typisch Behörde«, dachte Malloy, als er zwei Wochen nach dem Rodeo-Wochenende immer noch nichts von David gehört hatte. Alvarado machte Druck, weil ihm der Dorey-Fall unter den Nägeln brannte. Kein Tag verging, ohne dass sich sensationshungrige Journalisten bei ihm nach neuen Erkenntnissen erkundigten. Und wenn er zugeben musste, in dem Fall immer noch keine heiße Spur zu haben, fühlte er sich wie ein Pennäler nach einem geplatzten Rendezvous.

Dann spielte Malloy Kommissar Zufall in die Hände. Abends saß er bei seiner Lebenspartnerin Leah auf der Couch und schaute sich im Sender HBO eine Dokumentation über die Serengeti an. Leah blätterte in einer Zeitschrift über ländliche Wohnkultur im amerikanischen Westen.

»Mit ehrlicher Arbeit kann es niemand zu einem solchen Anwesen bringen. Schau dir das einmal an.«

Sie reichte ihm das aufgeschlagene ›Style & Comfort‹-Magazin, obwohl Malloys Interesse an solchen Publikationen ähnlich groß war wie an einer Lungenentzündung. Auf einer Doppelseite prangte das Aufmacherfoto eines Artikels über eine neue Bed & Breakfast-Unterkunft. Vor dem Hintergrund einer dramatisch roten Felslandschaft war ein von blühenden Bougainvilleasträuchern eingerahmtes Adobe-Anwesen abgebildet. In einem Gartenpavillon saß ein Mann mit einem hübschen Mädchen in einem Whirlpool und prostete dem Fotografen mit einem Champagnerkelch zu.

»Typischer Köder von Immobilienhaien«, murrte Malloy.

»Spricht da etwa Neid aus dir?«, wunderte sich Leah.

»Quatsch! Man macht selbst Leuten mit wenig Kohle den Mund wässrig«, antwortete Malloy. »Schnappt jemand nach dem Angebot und nimmt einen billigen Kredit auf, sitzt er schon in der Falle, weil er nach ein paar Jahren die steigenden Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen kann. Die Bank reibt sich die Hände, solange sich die Hausbesitzer noch jeden Dollar vom Mund absparen. Aber irgendwann ist Ende der Fahnenstange. Ganze Familien ziehen notgedrungen aus ihren Eigenheimen in bewohnbare Pappkartons auf der Straße um, und die leer ausgehenden Finanzinstitute treiben das Zockerrisiko auf die Spitze, um ihre Abschreibungen wettzumachen.«

Er blätterte angewidert weiter, bis sein Blick auf eine fett gedruckte Zwischenüberschrift fiel: »Pawel Kaczmarek – Luxus ist so wichtig wie das tägliche Brot.« Pawel Kaczmarek? In den USA gab es zwar Millionen polnischer Einwanderer. Der Name Kaczmarek war ihm jedoch noch nie untergekommen. Bis auf eine Ausnahme. Hatte nicht Alvarado erzählt, dass er kürzlich einen Wohnsitzlosen verhaftet hatte, der so hieß? Er las den Artikel und fand heraus, dass ein gewisser Pawel Kaczmarek das Bed & Breakfast erst vor Kurzem im Städtchen Sedona in Arizona für 1,8 Millionen Dollar erstanden hatte.

Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe. Am nächsten Tag knallte er den Bericht dem Sheriff auf den Schreibtisch. Noch bevor Malloy seinen Verdacht in Worte fassen konnte, langte Alvarado zum Telefonhörer und rief einen Kollegen in Sedona mit der Bitte an, Details über Pawel Kaczmarek und dessen Bed & Breakfast herauszufinden. Am übernächsten Tag kamen Neuigkeiten aus Arizona.

Das Bed & Breakfast befand sich tatsächlich im Besitz von Kaczmarek, der Chef einer Filiale von ›International Partners in Freedom‹ (IPF) war, eine von vielen stark esoterisch angehauchten Organisationen in der Stadt. An Kaczmarek selbst war im Augenblick nicht heranzukommen, weil er sich nach Auskunft einer Sekretärin auf einer längeren Vortragsreise durch Südamerika befand.

Je länger Malloy über Pawel Kaczmarek und dessen IPF-Filiale in Sedona nachdachte, desto deutlicher erschienen ihm die Ungereimtheiten vor Augen. Kurz entschlossen rief er das ›Style & Comfort‹-Magazin an. Die Redaktion hatte den Artikel weder selbst recherchiert noch die Bilder aufgenommen. So wie der Bericht veröffentlicht worden war, hatte die IPF-Filiale in Sedona das Material zur Verfügung gestellt. Malloy beeilte sich, die Ergebnisse seiner Recherche Alvarado mitzuteilten.

»Die für 50 Dollar verscherbelte Identität unseres ehemaligen Hauptverdächtigen Pawel Kaczmarek taucht als Eigentümer eines Esoterikschuppens in Sedona auf! Hinter dem wiederum steht der ominöse IPF-Verein, der in unserem Landkreis vermutlich dubiose Geschäfte betreibt. Ein bisschen viel Zufall für meinen Geschmack. Die Sache stinkt zum Himmel!«

Das Zusammentreffen mehrerer Fakten schrie förmlich nach Aufklärung. Alvarado waren offiziell die Hände gebunden, weil sich seine Zuständigkeit auf das Park County beschränkte. Der private Freizeitdetektiv Malloy hingegen konnte ermitteln, wohin es ihn auch immer verschlug.

Alvarado musste keine große Überzeugungskraft mobilisieren, um seinen Freund auf den Fall Dorey und IPF anzusetzen. Nach einem kurzen Lunch mit seinem Freund im Beta Coffee House an der 12. Straße kehrte Malloy auf den Campingplatz zurück, um bei seiner Freundin Leah Überzeugungsarbeit zu leisten. Am liebsten hätte er sie mitgenommen. Ging aber nicht, weil Handwerker im hinteren Teil der Anlage eine Drainage verlegten und einen zweiten, im Winter beheiztbaren Sanitärblock bauten. Also packte er ein paar Utensilien zusammen, wuchtete seinen verlotterten Airstream auf die Anhängerkupplung seines Chevy, knuddelte Leah und machte sich auf den 1000-Meilen-Weg nach Sedona. Länger als eine Woche würde er vermutlich nicht unterwegs sein.

Dass sich aus dem Gefallen, den er Alvarado erweisen wollte, der riskanteste Einsatz seiner Ermittlertätigkeit entwickeln würde, ahnte er nicht.

Weiter als Craig im nördlichen Colorado kam Malloy an diesem ersten Tag nicht. Er stellte sein Gespann am Ortsrand vor einer Lodge ab und nahm sich ein Zimmer. Auf der Hauptstraße düste ab und zu ein Truck vorbei. Ansonsten war es so ruhig, dass ihm die Stille in den Ohren summte. Er schlief wie ein Toter und wachte nur einmal kurz durch einen heftigen Knall auf, von dem er nicht wusste, ob er tatsächlich oder nur in seinem Traum stattgefunden hatte.

Was wirklich los gewesen war, erfuhr er morgens, als er sich zum Frühstück ins Restaurant setzen wollte. Eine aufgeregte Bedienung fing ihn schon im Flur ab.

»Tut mir sehr leid, Sir«, stammelte sie. »Das Frühstück fällt leider aus. Wir hatten heute Nacht einen bedauerlichen Zwischenfall.«

»Was ist denn passiert?«

»Sehen Sie selbst«, antwortete die verstörte Kellnerin und trat zur Seite.

Im Restaurant standen mehrere Uniformierte und ein paar Angestellte zwischen umgestürzten Tischen und Stühlen. Der sauertöpfische Besitzer stakte zwischen zerdeppertem Glas und zu Bruch gegangenen Blumenvasen herum, sammelte zerknüllte Tischdecken auf und warf sie übellaunig in einen Korb.

»Heiliger Himmel«, entfuhr es Malloy. »Hat sich hier jemand im Vollrausch ausgetobt?«

»Ausgetobt ja, Vollrausch nein«, presste der Wirt durch Lippen. »Eher vollgefressen. In der Küche hat sich der Drecksack einen Drei-Gallonen-Eimer Eiscreme zu Gemüte geführt, danach zwei Kilo Salami gefressen, den Kühlschrank aufgerissen und Ravioli und Tortellini in sich hineingestopft, als sei es seine letzte Mahlzeit.«

Er drehte sich um und warf einen vernichtenden Blick in sein Lokal.

»Gut. Es war auch seine letzte Mahlzeit!«

Jetzt erst sah Malloy, dass vor dem Tresen ein stattlicher Schwarzbär auf dem Boden lag. Das Tier war am frühen Morgen durch ein Küchenfenster eingestiegen und hatte bei seiner Fressorgie einen solchen Krach veranstaltet, dass der Wirt wach wurde.

»Als ich in das Restaurant kam, hockte der Bär hinten an der Wand und hatte seine Schnauze in einem Eiscremekübel vergraben. Seit meiner Rückkehr aus dem Irakkrieg habe ich keinen solchen Adrenalinschub mehr erlebt. Der Koloss richtete sich auf und kam mit einem unglaublichen Affenzahn auf mich zu. Hätte nie gedacht, dass sich ein so massiges Tier so schnell bewegen kann. Mein erste Schuss war ein Volltreffer. Gott sei Dank. Als der Riesenteddy umfiel, roch ich sogar seinen Atem. Der Kerl stank wie ein Müllkübel.«

»Die Reise fängt ja vielversprechend an«, dachte Malloy, als er den Highway nach Grand Junction unter die Räder nahm und in Rifle auf die Interstate 70 Richtung Utah abbog.

Am folgenden Tag bummelte Malloy auf dem Highway 160 quer durch das nur dünn besiedelte Stammesgebiet der Navajo-Indianer bis nach Flagstaff in Arizona und das letzte Teilstück durch den bewaldeten Oak Creek Canyon bis nach Sedona. Das Städtchen lag mitten in einer spektakulären Landschaft aus roten Felsen. Im Schritttempo ließ er sich an Galerien, Kunsthandwerksläden, Jeeptourveranstaltern und Cafés vorbei treiben und wunderte sich über das Mammutangebot an alternativen Heilern, metaphysischen Zentren, Esoterikboutiquen, Massage- und Yogastudios, Astrologiezirkeln und Schamanismusgesellschaften. Offenbar befand sich Pawel Kaczmareks esoterische IPF-Filiale in guter Gesellschaft. Malloy kannte die Adresse des Bed & Breakfast aus dem ›Style & Comfort‹-Magazin, aber das Navi zeigte sie nicht an. Er stellte sein Gespann auf einem Parkplatz in der Forest Road ab, um sich im örtlichen Besucherzentrum einen Stadtplan zu holen. Eine freundliche Dame empfing ihn mit beseeltem Blick und samtweicher Stimme wie zur Aufnahmeprüfung für einen Workshop über Horoskopanalyse und Traumdeutung. Pawel Kaczmareks Institut kannte sie nicht, konnte ihrem Besucher aber sagen, in welchem Stadtteil das noble Anwesen lag.

Malloy fand die von mannshohen Mauern umgebene Villa am Ende einer schmalen Straße. Eine kurze Auffahrt endete vor einem schmiedeeisernen Tor, das auf der Innenseite mit Metallplatten so verblendet war, dass man nicht hindurchsehen konnte. Auf der rechten Seite war eine Klingelanlage in die Wand eingelassen, über der eine Überwachungskamera ihr Auge auf den Eingang gerichtet hielt. Malloy klingelte dreimal ohne Erfolg. Nichts rührte sich. Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont zu. In spätestens zwei Stunden würde es dunkel sein – eine Gelegenheit, um anhand dunkler oder erleuchteter Fenster zu überprüfen, ob jemand im Haus war.

Er kehrte zurück, nachdem er seinen Caravan auf einem RV-Park im Oak Creek Canyon vom Pkw abgehängt hatte. Kaczmareks Anwesen lag im Dunkeln. Aus der Entfernung blickte er über die Mauer, konnte aber in keinem der Fenster Licht entdecken. Das eiserne Tor, in das er bei seinem Besuch am Nachmittag ein Stückchen Papier geklemmt hatte, war nicht geöffnet worden. Der Zettel steckte immer noch an Ort und Stelle. Auf einen zweiten Klingelmarathon reagierte wieder niemand. Malloy sah sich um, ob ihn auch niemand beobachtete. Wo sich die Umgebungsmauer um eine Grundstücksecke bog, stieg er auf einen Transformatorenkasten und krabbelte auf die Mauerkrone, um das Gelände innerhalb zu checken. Auf beiden Seiten der Haustür brannten in Kniehöhe unter pilzförmigen Schirmen aus mattem Glas Lampen, deren Licht kaum bis zu dem kleinen Gartenpavillon reichte, der auf der Doppelseite des ›Style & Comfort‹-Magazins abgebildet war. Auf der schmalen Seite des Hauses lag der Garten außerhalb des Lichtscheins. Ein Auto kam die Straße hoch, drehte auf der Wendeplatte und ließ beim Wegfahren die Scheinwerfer eine Sekunde lang über Malloy streichen, der sich so dicht wie möglich auf die Mauer drückte.

Vorsichtig ließ er sich auf der Innenseite der Mauer in den Garten hinunter. Dornige Rosensträucher schoben seine Hosenbeine hoch und schrammten über seine Unterschenkel. Geduckt lief er über den im Lichtschein liegenden Teil des Gartens, bis er im schwarzen Schatten stand. Erst einmal Atem holen. Dann fischte er eine winzige Taschenlampe aus der Hosentasche und blendete den Lichtschein mit der Hand ab, um gerade noch die unmittelbare Umgebung sehen zu können. Hinter dem Haus erkannte er unter einem Baum eine Hollywoodschaukel ohne Sitzkissen. Ein weißer, dreibeiniger Plastiktisch gleich daneben. Er hielt die Lampe etwas höher, bis der Lichtschein auf einen Bretterschuppen fiel. Die Tür war nur mit einem einfachen Holzriegel versperrt. Im Innern lehnten zwischen zwei halb leeren Säcken voller Rasendünger Gartengeräte an den Wänden.

Er öffnete den Deckel einer mit Holzlatten verkleideten Mülltonne. Penetranter Gestank schlug ihm entgegen. Obenauf lag eine von öligen Flecken übersäte Ausgabe der ›Sedona Red Rock News‹. Darunter leere Konservendosen und Küchenabfälle. Im Haus hatte offensichtlich vor nicht allzu langer Zeit jemand gekocht. Mit einer Gartenkralle stöberte er im Müll und zog ein zerknülltes, auf altmodisches Thermopapier gedrucktes Fax heraus. Ungeordnet weggeworfene Papiere sahen nach Geschäftspost aus. Malloy sammelte sie in einer ausgebreiteten blauen Gärtnerschürze und schnürte den Packen schließlich mit den Schürzenbändeln zusammen. Vorsichtig spähte er aus dem Schuppen, bevor er die Tür von außen zudrückte und den Holzriegel umlegte.

Motorengeräusch näherte sich. Über ihm malte das Scheinwerferlicht einen breiten, hellen Strich in die Baumkronen. Dann blieb das Fahrzeug vor dem Eisentor stehen. Der Motor wurde abgestellt, zwei Türen schlugen zu.

»Also sind sie zu zweit«, registrierte Malloy.

Mit ein paar Sätzen rannte er über die Grasfläche auf die Mauerecke zu, die am weitesten vom Tor entfernt war und ging hinter einem Gebüsch in die Hocke. Es dauerte einen Moment, bis sich ein Torflügel quietschend öffnete, zwei Männer über den Kiesweg auf das Haus zugingen und im Inneren verschwanden.

Malloy streckte sich, schob den in die Schürze gewickelten Packen Papier auf die Mauer und zog sich an der kalten Betonwand hoch, bis er die Arme über die Oberkante schieben und ein Bein hinaufschwingen konnte. Auf dem Weg zu seinem geparkten Wagen musste er ziemlich dicht an dem silbernen Auto vor der Einfahrt vorbei. Plötzlich öffnete sich die linke Hintertür und eine junge Frau stieg aus.

»Sie da! Was … was machen Sie denn hier?«, stotterte sie.

Malloy sagte kein Wort, nahm ein paar größere Schritte und begann nach einigen Metern zu rennen. Noch bevor er seinen Wagen erreichte, hörte er die Frau nach ihren beiden Begleitern rufen. Er stürzte sich ans Steuer und raste hinter seinen Scheinwerfern die Straße hinunter, den Blick ständig auf den Rückspiegel gerichtet. Zurück auf der Hauptstraße bog er an der ersten Kreuzung intuitiv nach rechts ab. Airport Road hieß die Straße, die in einem Bogen bergan bis auf ein Plateau mit einem großen Parkplatz führte, wo er in einer Lücke zwischen abgestellten Wagen parkte. Ein, zwei Minuten blieb er sitzen. Offensichtlich war ihm niemand gefolgt. Ein paar Schritte entfernt, versammelten sich auf einem offenen Platz eine Menge Leute an einem Aussichtspunkt, um den atemberaubenden Blick auf die im Tal liegende, wie mit Weihnachtsgirlanden geschmückte Stadt zu genießen. Viele summten monoton vor sich hin.

»Hommmm, hommmm …«

Eine neben ihm stehende Frau zupfte ihn am Ärmel.

»Spürst du den Kraftfluss auch? Die kosmischen Schwingungen?«

»Schwingungen? Was für Schwingungen?«

Sie blickte ihn überrascht an.

»Lass dir Zeit, Bruder. Vielleicht brauchst du noch eine Weile. Aber am Ende wirst auch du zu den Erleuchteten gehören. Spürst du es immer noch nicht, Bruder?«

Das einzige, was Malloy in diesem Moment spürte, war eine gewisse Erleichterung, dass er seinen Verfolgern entkommen war. Auf dem Rückweg zum Campingplatz machte er vor einem Supermarkt Halt, besorgte sich zwei asiatische Instantsuppen zum Aufgießen und einen Sixpack Miller Hi-Life, um endlich den Kraftfluss in Gang zu setzen, von dem die Erleuchtete am Aussichtspunkt gesprochen hatte. In seinem Airstream hockte er sich an seinen Tisch und widmete sich den geklauten Papieren. Als Erstes studierte er den Knäuel Faxpapier, den er in die Hosentasche gesteckt hatte. Am oberen Rand standen anstelle eines Absenders nur zwei neunstellige Nummern. Der dreistellige Area Code 415 verwies auf San Francisco. Mit dem Smartphone wählte er die erste Nummer. Am anderen Ende meldete sich ein quäkender Faxanschluss. Auf die zweite Nummer meldete sich ein Anrufbeantworter: »Sie sind mit ›International Partners in Freedom‹ verbunden. Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Sie erreichen uns von Montag bis Freitag ….« In der ausgedruckten Faxmeldung selbst ging es nur um die Bestätigung eines Termins.

Malloy knüpfte die Schürze mit den muffig riechenden Papieren aus der Mülltonne auf. Obenauf lag das Protokoll einer Sitzung, an der offensichtlich mehrere Personen darüber diskutiert hatten, wie man neue Mitarbeiter für IPF rekrutieren könnte. Außerdem ging es darum, Einwänden von Leuten zu begegnen, die IPF eine diskriminierende Haltung Homosexuellen gegenüber vorwarfen.

Die meisten Briefe und Dokumente waren uninteressant. In einem Schreiben, dessen Briefkopf nicht mehr zu lesen war, machte der Verfasser oder die Verfasserin auf die unbedingte Notwendigkeit aufmerksam, vertrauliche Dokumente vor dem Zugriff Fremder zu schützen. Malloy kicherte, weil ihm gerade diese Post in die Hände gefallen war.

Nachdem er sämtliche Unterlagen durchstöbert hatte, fiel sein Blick wieder auf das Fax, ein Beweis, dass die Einrichtung zu IPF gehörte. Blieb nur noch herauszufinden, ob der Eigentümer des Anwesens tatsächlich Pawel Kaczmarek war und ob dessen Identität mit der des Wohnsitzlosen übereinstimmte, den Alvarado als Verdächtigen vernommen hatte.

Malloy war klar, dass er sich rechtliche Unterlagen über den Besitz des Hauses nur durch einen Einbruch beschaffen konnte, wenn überhaupt. Einfacher war, sich beim zuständigen Grundbuchamt des Landkreises zu erkundigen. Er schob den Vorhang an seinem Wohnwagenfenster zurück. Im Häuschen des Campingplatzverwalters brannte noch Licht.

»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie so spät noch störe«, sagte Malloy.

»Kein Problem«, brummte der Grauhaarige, der vor sich die Einzelteile eines Panzerbausatzes ausgebreitet hatte. »In meinem Alter braucht man nicht mehr viel Schlaf. Was kann ich für Sie tun? Ist Ihnen das Bier ausgegangen?«

»Ich wollte nur wissen, in welchem Landkreis Sedona liegt?«

»In zwei Counties«, antwortete der Alte und schraubte eine Tube Klebstoff zu. »Der größte Teil gehört zum Coconino County, der westliche Teil der Stadt zum Yavapai County. Was suchen Sie denn?«

»Das Grundbuchamt, das für ein bestimmtes Anwesen zuständig ist.« Er nannte die Straßenadresse der IPF-Zweigstelle.

»Liegt im Yavapai County. Der Landkreis wird von Prescott aus verwaltet, etwa 63 Meilen südwestlich von hier. Highway 89A führt über den ehemaligen Bergbauort Jerome. Wenn Sie es nicht eilig haben, lohnt sich die schöne Nebenstrecke.«

In Prescott führten alle Straßen zur Courthouse Plaza mit einem historischen, von Säulen umgebenen Gerichtsgebäude. Im Schatten hoher Ulmen lag eine junge Frau im Gras und skizzierte das vor dem Haupteingang stehende Reiterdenkmal des früheren Bürgermeisters und Abenteurers William ›Buckey‹ O’Neill. Sie kannte sich gut aus und beschrieb ihm den Weg zum Yavapai County Recorder’s Office. Der Verwaltungstrakt war ein dreigeschossiger, rotbrauner Bau in der Nachbarschaft der Rodeo-Arena. Im Grundbuchamt hütete eine Dame mit pechschwarzer Mähne ihren Schreibtisch und rüttelte an ihrem PC-Monitor.

»Einmal tut er es, dann tut er es wieder nicht«, protestierte sie.

»Ich würde nachschauen, ob der Stromstecker richtig sitzt«, schlug Malloy vor und landete mit seinem Primitivtipp einen Volltreffer.

Als er sein Anliegen erklärte, revanchierte sie sich mit einem Lächeln.

»Ich bin froh, dass Sie hierhergekommen sind, sonst würde ich wahrscheinlich immer noch mit meinem Monitor hadern«, antwortete sie. »Aber die Grundbucheintragung hätten Sie auch von zuhause einsehen können. Wenn Sie Informationen nicht für kommerzielle Zwecke nützen und keine beglaubigten Kopien von Dokumenten brauchen, können Sie unsere Register online gebührenfrei nutzen.«

»Dann hätte ich mir die Fahrt nach Prescott sparen können.«

»Na ja, da Sie mir geholfen haben, kann ich auch Ihnen helfen. Ich nehme an, es geht um eine Grundbucheintragung. Geben Sie mir Ihre Daten. Ich schaue nach.«

Malloy reichte ihr den Zettel. Sheriff Alvarado hatte mit seiner krakeligen Klaue die persönlichen Daten von Pawel Kaczmarek und die Adresse in Sedona drauf geschrieben. Es dauerte keine Minute, bis der Drucker ein Blatt ausspuckte.

»Bitteschön, mit freundlichen Grüßen vom Grundbuchamt«, sagte sie lächelnd und reichte ihm das Blatt. Pawel Kaczmarek hatte vor nicht einmal vier Monaten in Sedona das Anwesen gekauft. Sein Geburtsdatum: 17. April 1973, sein Geburtsort: Pensacola, Florida. Treffer! Die Daten waren mit denen von Alvarados Wohnsitzlosem identisch. Einen klareren Beweis für eine geklaute Identität gab es nicht. Triumphierend wie ein frisch gekrönter Lottokönig hüpfte Malloy durch die spiegelblanken Flure des Gebäudes.

»Hallo, Sir!«

Die Stimme des uniformierten Angestellten hallte durch die Lobby des Gebäudes wie durch eine riesige Gießkanne.

»Gehört Ihnen das Campinggespann, das vor dem Gebäude geparkt war?«

Malloy drehte sich um. »Was heißt geparkt WAR?«

»Tut mir leid, Sir. Ein Abschleppdienst hat Ihr Fahrzeug vor ein paar Minuten auf den Haken genommen. Sie hatten es auf einem Behindertenparkplatz abgestellt.«

Wölfe kümmert nicht was Schafe denken

Ein brutaler Mord an einem Tierpräparator im US-Bundesstaat Wyoming. Sheriff Alvarado hat die dubiose Organisation IPF und deren Chef Lamar Lovejoy, einen gewissenlosen Immobilienhai, im Verdacht … – hier für Kindle kaufen!

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